Interview mit Franz Müntefering "Sterben als das letzte Stück Leben"

Im Herbst 2007 ist der damalige Vize-Kanzler Franz Müntefering überraschend zurückgetreten. Seine Frau Ankepetra war schwer an Krebs erkrankt. Den beiden blieben acht gemeinsame Monate. Im WDR 2 Interview mit Tom Hegermann erzählt Franz Müntefering, was ihm der gemeinsame Weg bis zum Tod seiner damaligen Frau bedeutet.

WDR 2: Herr Müntefering, war Ihnen im Moment Ihres Rücktritts klar, dass es keine Heilung mehr gibt?


Franz Müntefering
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Franz Müntefering

Franz Müntefering: Ja. Meine damalige Frau war schon lange an Krebs erkrankt. Es gab immer wieder gute Phasen und wir haben beide Wert darauf gelegt, dass wir weiterarbeiten. Für uns war das ein Zeichen, dass wir an eine Zukunft glauben. Aber auf einem Parteitag in Hamburg habe ich die Nachricht erhalten, dass sie am Kopf operiert werden muss, weil dort Metastasen festgestellt wurden. Das war der Punkt, an dem ich wusste, es hat seine zeitlichen Grenzen.

Hat das alle Prioritäten in Ihrem Leben verändert?

Mir war klar, dass ich das mit dem Amt als Minister nicht mehr würde vereinbaren können. Ich habe das nicht als einen Ausstieg aus dem Leben empfunden. Ich habe es als eine Zeit gedacht, die ich ganz zu Hause bin. Wie lange sie auch immer dauert.

Es waren dann acht Monate bis zum Tod Ihrer Frau. Wie haben Sie die erlebt?

Es war eine schwere Zeit, aber auch eine schöne. Das Wort "schön" ist schwierig in diesem Zusammenhang, ich weiß. Aber ich bleibe dabei: eine solche intensive gemeinsame Strecke, wenn man weiß, es geht aufs Ende zu, ist etwas Schönes und Wichtiges für alle, die beteiligt sind. Ich war nicht allein. Ihre Kinder waren dabei, ein Enkelkind war schon da. Ihre beiden Brüder aus Hamburg kamen immer wieder zu uns nach Bonn. Das war ein intensives Familienleben, wie wir es sonst nicht hatten. Es war eine gute Zeit für sie und für mich auch.



Franz Müntefering nach seinem Rücktritt im Herbst 2007

Das heißt, es darf nicht nur eine Zeit der Tränen sein? Man muss auch mal lachen können?

Ja, man muss die Lust aufs Leben und die Liebe zum Leben behalten und auch vermitteln. Natürlich ist man traurig und es gibt Stunden der Verzweiflung, wo man die Endgültigkeit der Entwicklung sieht und erkennt. Da gibt es nichts zu verherrlichen. Aber jede Lebensphase hat ihre eigenen Herausforderungen. Und das Leben insgesamt stimmt, wenn alle Phasen stimmen. Die Phase des Sterbens gehört dazu und es ist wichtig, dass man es miteinander besteht. Wobei ich es ohne die Hilfe der palliativen Hospizdienste nicht geschafft hätte.

Hat diese Phase Sie auch dauerhaft verändert?

Das kann man bei sich selbst immer schwer beurteilen. Es prägt einen natürlich. Eines meiner politischen Ziele, die ich noch habe, ist, dass die palliativen Hospizdienste, die es ja nach dem Gesetz gibt, auch wirklich überall ambulant und stationär verfügbar sein müssen. Denn man muss eines wissen: Menschen zu pflegen und beim Sterben zu begleiten, ist eine Frage des Herzens und des guten Willens - aber auch eine Frage des Handwerks. Das ist nicht so leicht, wenn man davor steht als einer, der weiterleben wird. Und deshalb ist es gut, wenn man Menschen hat, die einem helfen und Sicherheit geben.

Wagen Sie einen Rat an Menschen, die in vergleichbare Situationen kommen?

Man muss den Menschen, die schwer krank sind, die Liebe zum Leben weiter vermitteln. Man muss ihnen klar machen, wie wichtig sie einem sind. Auch wenn die Krankheit schwerer wird und das Sterben näher kommt, muss man die Bedeutung der Minuten, die einem bleiben, zeigen. Und wenn man das schafft, ist es für alle gut. Für die, die gehen, und die, die bleiben. Ich kann allen Menschen nur raten: lasst euch darauf ein und lauft nicht weg.

Eine Sache hat sich bei mir sehr verändert. Man sagt ja immer: ich hoffe, wenn es mit mir zu Ende geht, ich kippe um und habe keine Schmerzen. Das scheint als Ideallösung. Bei mir ist das nicht mehr so. Ich wünsche mir zum Sterben eine Zeit mit Menschen, die mich mögen und die ich mag. Mit denen man noch einmal auf das gemeinsame Stück Leben zurückschauen kann und sich verabschieden kann. Sterben als das letzte Stück Leben, das würde ich mir wünschen. Ich habe nur vor einem Angst: Schmerzen. Aber die Palliativmedizin kann das heute minimieren.



Franz Müntefering
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Franz Müntefering wurde 2012 mit dem Ehrenpreis des deutschen Hospiz- und Palliativ-Verbandes ausgezeichnet.

Kann ein Rat auch sein, den Tod nicht tot zu schweigen?

Das ist ganz wichtig. Es ist eine große Schwierigkeit in unserer Gesellschaft, dass wir nicht darüber reden, es tabuisieren. Ich mache viele Veranstaltungen und spreche dann auch über dieses letzte Stück Leben. Und ich sehe, wie die Gesichter aufleuchten und alle ganz neugierig werden, wenn man darüber spricht. Redet darüber, rechtzeitig. Es gehört das Sterben zum Leben dazu. Das ist so.

Franz Müntefering, herzlichen Dank für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte WDR 2 Moderator Tom Hegermann
Tom Hegermann

"Sie entscheiden, wie viel Privates in diesem Interview zur Sprache kommen soll", bat Tom Hegermann den früheren Vize-Kanzler vor dem Interview. Die Offenheit Münteferings hat den WDR 2 Moderator dann überrascht.

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Franz Müntefering

Im Herbst 2007 tritt Franz Müntefering - für Außenstehende überraschend - als Bundesarbeitsminister und Vize-Kanzler zurück.

Franz Müntefering wurde 1940 in Neheim geboren und ist einer der bekanntesten SPD-Politiker. Er war von 2004 bis 2005 und von 2008 bis 2009 Bundesvorsitzender der Partei. Zuvor hatte er die SPD-Bundestagsfraktion von 2002 bis 2005 geführt. Derzeit sitzt er als Abgeordneter im Bundestag, will bei der Wahl 2013 aber nicht mehr antreten.

Müntefering hat aus seiner ersten geschiedenen Ehe zwei Töchter, darunter die Schriftstellerin Mirjam Müntefering. Seine zweite Frau Ankepetra starb 2008 nach langer Krankheit. Im Dezember 2009 heiratete Müntefering die Journalistin Michelle Schumann.