Helmut Kohl bei der Unionsfraktion Besuch des alten Herrn

Es war der erste Besuch Kohls in der Unionsfraktion seit zehn Jahren. Anlass gab seine Wahl vor 30 Jahren zum Bundeskanzler am 1. Oktober 1982. Bei WDR 2 äußerte sich der Politikwissenschaftler Gerd Langguth.

Die Unionsabgeordneten würdigten den 82-Jährigen anlässlich des 30. Jubiläums seiner Kanzlerwahl und empfingen ihn mit minutenlangem Applaus. Der Empfang habe ihm große Freude bereitet, sagte Kohl.


WDR 2: Vor 30 Jahren wurde er Kanzler, vier Mal haben ihn die Deutschen wiedergewählt, und jetzt kann man ihm gewissermaßen eine kleben, denn Helmut Kohl wird zur 55-Cent-Briefmarke. In dieser Woche wird er gefeiert, und wir reden deshalb über den "Kanzler der Einheit" mit dem Politikwissenschaftler Prof. Gerd Langguth aus Bonn. Wie geht es Helmut Kohl?


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Prof. Dr. Gerd Langguth: Ich habe Helmut Kohl vor einigen Wochen erlebt, als er in Bonn auf einer Veranstaltung war - auch zu seinen Ehren, wo Roman Herzog gesprochen hat. Da wurde er im Rollstuhl reingefahren, von seiner Ehefrau Maike Richter-Kohl begleitet. Er sagte kein Wort, und ich glaube auch nicht, dass er wirklich gut drauf ist. Das kann man nicht sagen, nach seinem Sturz.

WDR 2: Heute nachmittag wird er zum ersten Mal seit seinem Auscheiden aus dem Parlament vor zehn Jahren an der Sitzung der Bundestagsfraktion teilnehmen. Was haben beide Seiten von diesem Besuch?


Gerd Langguth
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Gerd Langguth erkennt eine Politiker-Verdrossenheit, aber keine Politik-Verdrossenheit in Deutschland

Prof. Dr. Gerd Langguth: Ja, die haben natürlich schon etwas davon. Erstens: Ich glaube, es quält Helmut Kohl - er war ja sozusagen mit der CDU verheiratet, die CDU war sein Leben von seiner Jugend an, wo er schon als Jugendlicher Wahlreden gehalten hat, und dass er dann quasi ausgestoßen wurde oder sich so fühlte, das misshagt ihm. Und jetzt in dem hohen Alter, wo er auch ein wenig seine Altersmilde bekommt, da will er wieder sozusagen Teil der Familie sein. Das ist das eine. Und das andere ist, dass auch Angela Merkel und auch die Fraktion ein Interesse daran haben müssen, denn nach wie vor ist ja Helmut Kohl durchaus - jedenfalls in Teilen der Bevölkerung - beliebt. Er hat die Deutsche Einheit herbeigeführt, er hat sich viel mit der europäischen Frage befasst. Und man will, dadurch, dass man ihn in die Traditionslinie aufnimmt - das ist für so eine eher konservative Partei wie die CDU ja wichtig - auch ein bisschen in der Wählerschaft klarmachen: Es gibt ihn noch.

WDR 2: Hat Kohl denn Angela Merkel wirklich verziehen, dass sie damals gesagt hat: "Die Partei muss laufen lernen", und dass sie die CDU damals nach den Enthüllungen über die Parteispendenaffäre und Kohls Weigerung, die Spenden zu nennen, dass sie die CDU aufgefordert hat, sich von Kohl zu lösen?


Prof. Dr. Gerd Langguth: Er hat ihr das nie richtig verziehen. Aber er will natürlich wieder Teil der Familie sein, wie ich vorhin schon sagte, und da ist ihm dann auch Angela Merkel nicht so wichtig, sondern die Partei ist ihm da wichtiger. Dass er nicht vergessen hat, dass sie den Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung geschrieben hat, wo sie ja auch gesagt hat, man müsse sich von ihm trennen, wie pubertierende Jugendliche sich auch vom Elternhaus trennen. Und man müsse - wie sie eben selber zitiert haben - sie müsse selber laufen lernen, die neue CDU. Ja, das ist halt so, und das hat ihm misshagt, und er hat auch keine Rolle mehr seitdem in der CDU gespielt. Aber man will ihm ein Andenken wahren.

WDR 2: Am Donnerstag wird es eine große Festveranstaltung geben bei der Adenauer-Stiftung. Wird Helmut Kohl es schaffen zu reden? Sie haben ja vorhin gesagt, dass es ihm nicht gut geht.

Prof. Dr. Gerd Langguth: Ja, ich bin mal sehr gespannt. Es steht auf dem Programm: "Ansprache von Helmut Kohl." Er wird sich wohl Mühe geben. Aber in Bonn hatte ich nicht den Eindruck, dass er ganz gut drauf war. Aber: Warten wir mal ab.

WDR 2: Was wird er sagen? Etwas Versöhnliches?

Prof. Dr. Gerd Langguth: Ja, ich glaube schon. Ob er etwas zu Angela Merkel sagen wird, bin ich mir nicht so sicher. Aber er wird bestimmt etwas Versöhnliches sagen und erklären, warum auch nach wie vor die Europapolitik richtig war, die er gemacht hat. Und er wird sicherlich auch die Deutsche Einheit benennen, denn damit wird er ja in Deutschland am meisten identifiziert.

Das Interview führte WDR 2 Moderatorin Gisela Steinhauer.


Stand: 26.09.2012, 07.43 Uhr