WDR 2 Bücher - Viola di Grado Siebzig Acryl, dreissig Wolle

Von Antje Deistler

Der authentisch-zornige Debütroman einer jungen Italienerin, die das triste Leben im verregneten Leeds in höllisch wütender, aber auch beinahe unpassend schönen Sprache beschreibt. Witzig, grell, originell.

"Siebzig Acryl, dreißig Wolle": Wenn das auf Klamotten steht, kaufe ich sie mir eher nicht. Zu viel Plastik. An diesem Buch aber ist nichts aus Plastik. Tatsächlich lesen sich schon die ersten Seiten wie ein Update von Dantes Vorhölle: Inferno Eins Punkt Eins, ins wahlweise fies verregnete oder fies verschneite Leeds verlegt.


Ausschnitt aus dem Buchumschlag von "Siebzig Acryl dreissig Wolle" mit rosa Wolle in Nahaufnahme
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Ausschnitt aus dem Buchumschlag von "Siebzig Acryl dreissig Wolle" mit rosa Wolle in Nahaufnahme

Die Geschichte

Camelia, 19, wohnt allein mit ihrer Mutter. Der Vater ist bei einem Autounfall gestorben. Seine Geliebte saß bei ihm im Wagen. Seitdem ist Camelias Mutter mit großer Entschiedenheit verrückt geworden: spricht nicht mehr, verläßt das Haus nicht mehr, verwahrlost körperlich, geistig, seelisch. Das einzige, wozu sich die ehemals attraktive Flötistin aufrafft, ist, Löcher zu fotografieren. Im Käse, in Kleidung, in Körpern. Ihre Tochter hat sich abgefunden mit diesem Leben. Aber eines Tages fallen ihr verschnittene Kleider im Müll in die Hände, sie fängt an, die zu tragen und findet darüber zu einem extrem unfähigen chinesischen Schneider und dessen Bruder. Camelia verstrickt sich in eine Beziehung zu beiden. Und sie beschließt, sich ihr Leben zurückzuholen. Ob das gut ausgeht – das ist eine andere Frage.

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Die Autorin

Viola di Grado, geboren 1987 in Catania. Ist also wie ihre Heldin Italienerin und lebt in England, allerdings in London. Auf Bildern und Videos im Internet sieht man eine junge Frau, die sich entschlossen auch optisch vom Mainstream abhebt. Tatsächlich erzählt sie mit einer sehr eigenen, aufregenden neuen Stimme. Das hat in Italien Eindruck gemacht, dort war sie mit ihrem Debütroman für verschiedene Literaturpreise nominiert, von denen sie dann auch zwei abgeräumt hat.

Schlechte Stimmung, wunderbar ausgedrückt

Debütromane sehr junger Autorinnen oder Autoren fallen oft düster aus. Ich weiss nicht, woher dieser Zug kommt, aber der Hang zu schlechter Laune ist auch bei Viola di Grado deutlich zu spüren. Nur dass das Buch einen nicht schlecht gelaunt zurücklässt, und das ist das Erstaunliche dabei. Es bietet ein ebenso drastisches wie glaubwürdiges Porträt einer schwer beschädigten, leicht psychopathischen jungen Frau, und dabei hält es einige Schockmomente auf Lager. Aber dieses expressive Wutgeheul liest sich eben auch ganz wunderbar inspirierend. Denn Viola di Grado, beziehungsweise ihre Figur Camelia, schimpft und wütet so herrlich eloquent, ständig überrascht sie mit einfallsreichen Bildern und Metaphern, so dass es etwas ungeheuer Befreiendes hat, diese gallig-witzige Tirade über sich ergehen zu lassen. Wie ein Ventil für die eigene, oft miese Stimmung in diesem scheußlichen Scheinsommer 2012.

Lucia di Grado
Siebzig Acryl, dreissig Wolle
Aus dem Italienischen von Judith Schwaab
Verlag: Luchterhand
ISBN: 3-630-87387-1
Preis: 14,99 Euro


Stand: 24.06.2012, 10.26 Uhr