WDR 2 Bücher - Jo Lendle Alles Land

Von Antje Deistler

Es wird kalt in diesem Roman. Er führt uns ins Eis - mit Alfred Wegener. Der war Meteorologe und Polarforscher, eine Lichtgestalt der deutschen Wissenschaftsgeschichte, einer, nach dem Forschungsstationen benannt wurden.

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Forschungsflugzeug des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) "Polar 5" im Jahr 2008 im ewgigen Eis der Antarktis
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Forschungsflugzeug des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) "Polar 5" im Jahr 2008 im ewgigen Eis der Antarktis

Alles Land

1881 geboren, sieht Alfred Wegener auf Fotos aus, wie alle damals auf Fotos aussahen: schwarzweiß, todernst, stocksteif, irgendwie blutleer. Dabei führte der Professor ein turbulentes Leben, in dem er gegen festgefahrene Lehrmeinungen und Konventionen anrannte und auch gerne aus dem Wissenschaftsbetrieb ausbrach. Der deutsche Indiana Jones, sozusagen. Mit seinem Bruder stellte er einen Weltrekord im Ballonfahren auf, er entwickelte die Theorie der Kontinentaldrift, die ihm damals kein Mensch glaubte, und er fuhr dreimal zum Nordpol, wo er 1930 umkam, mit gerade mal 50 Jahren. Ein Leben wie ein Abenteuerroman – Jo Lendle hat ihn aufgeschrieben.


Der deutsche Geophysiker und Meteorologe Prof. Alfred Lothar Wegener um 1920
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Der deutsche Geophysiker und Meteorologe Prof. Alfred Lothar Wegener um 1920

Alles Lendle

Jo Lendle, geboren 1968, lebt als Verlagsleiter in Köln. Außerdem schreibt er Romane, die sich ganz unterschiedlichen Themen widmen. Und er übersetzt Bücher, zuletzt das Kindereinschlafbuch für Eltern "Go the Fuck to Sleep" von Adam Mansbach: "Verdammte Scheiße, schlaf ein" ist der deutsche Titel. Jo Lendle ist jemand, der sich nicht auf ein Fachgebiet festlegen mag. Ebenso wie Alfred Wegener, der zuerst Astronomie studierte, dann Meteorologe wurde und schließlich als Fachfremder die Geowissenschaften revolutionierte (auch wenn die Geowissenschaftler das erst drei Jahrzehnte nach seinem Tod merkten). Vielleicht war dieser Hang zum Universellen auch etwas, das Lendle an seiner Romanfigur anzog.

Alles gut

Ich finde Kälte schrecklich. NICHTS auf der Welt könnte mich dazu bringen, an einer Polarexpedition teilzunehmen, ich fahre ja noch nicht mal in den Skiurlaub. Umso faszinierender, über Menschen zu lesen, die sich vom Nordpol magnetisch angezogen fühlen. Oder besser: Fühlten. Zu der Zeit! Unter den Bedingungen! Alfred Wegener war so einer. Jo Lendle porträtiert ihn als Getriebenen, als einsamkeitssuchenden Abenteurer, als sturen, unbeugsamen Freidenker, und natürlich als tragischen Helden - aber das, ohne Heldenverehrung zu betreiben. Lendles Wegener wirkt emotional eher unterkühlt. Und obwohl das Buch einen den eisigen Wind, die Mühsal, Verzweiflung und ständige Todesnähe am Nordpol beinahe körperlich spüren lässt, hat es gleichzeitig immer etwas Entrücktes. So, als würde es einen durch seinen Stil daran erinnern, dass man es mit einem Roman und nicht mit einem Tatsachenbericht zu tun hat, und dass die Zeit, in die man hier eintaucht, für immer versunken ist.

Beeindruckend. Und sauspannend.

Jo Lendle
Alles Land
Verlag: DVA
ISBN: 978-3-421-04525-6
Preis: 19,99 Euro


Stand: 18.09.2011, 11.04 Uhr