WDR 2 Bücher - Lektüre für den Urlaub Sommerbücher 2012

Von Antje Deistler

Der Bestseller dieses Sommers ist natürlich "Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand" von Jonas Jonasson (Carl's Books, 14,99 Euro). Toller Schmöker, gar nichts gegen zu sagen. Aber da Sie den ja sowieso schon alle lesen, lesen werden oder gelesen haben, gebe ich Ihnen noch ein paar andere Empfehlungen mit in den Urlaub. Denn der kann lang werden mit nur einem einzigen Buch...

  • Zum Mitschleppen an den Strand

Cover-Ausschnitt "Die Stadt der Toten" von Sara Gran
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Cover-Ausschnitt "Die Stadt der Toten" von Sara Gran

Sara Gran: Die Stadt der Toten


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Der Buchumschlag sieht aus, wie von einem vierjährigen Kind entworfen, das mit einem Grafikprogramm herumspielen durfte. Eine Orangenscheibe, ein Papagei, Krickelkrakel und Pistolen. Was will uns das wirre Cover sagen? Ich weiß es nicht. Aber ich verspreche: Die Geschichte im Inneren hat mehr Sinn und Verstand. Sie dreht sich um die nach eigenen Angaben "beste Privatdetektivin der Welt" Claire DeWitt. Die nimmt sich des Falles eines verschwundenen Staatsanwalts an, ausgerechnet im von Hurrikan Katrina verwüsteten New Orleans. Ihre Methoden: Abwarten, was passiert, Traumdeutung und Werfen von Münzen. Das klingt nach Hokus Pokus, aber wie man aus diesem Buch lernt, ist der Glaube an das Übersinnliche in New Orleans stärker als der Glaube an die korrupten Ermittlungsbehörden.

So einen Krimi hat es noch nicht gegeben: Die Heldin widerspricht allen Konventionen des Genres und ist außerdem total verrückt, das Ganze eine hübsche Mischung aus Voodoo und durchaus ernstzunehmender Gesellschaftskritik.

Sara Gran
Die Stadt der Toten. Ein Fall für die beste Ermittlerin der Welt
Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné
Verlag Droemer Paperback
ISBN: 978-3426226094
14,99 Euro

Matt Haig: Die Radleys

Da steht es, Schwarz auf Weiß, schon im Untertitel: "Vampirroman". Uuaaah. Mit Vampiren können Sie mich normalerweise jagen. "Die Radleys" sind die einzigen, die mir ins Ferienhaus kommen, und eigentlich handelt es sich bei diesem Buch ja auch um einen Familienroman. Denn es ist so: Die Radleys sind zwar Blutsauger, versuchen aber, abstinent zu bleiben und wie eine ganz normale Familie zu leben. Vater Arzt, Mutter Hausfrau, Sohn und Tochter gehen wie alle anderen Pubertierenden zur Schule. Mutter Helen kämpft verbissen darum, die Fassade der Bilderbuchkleinstadtexistenz aufrechtzuerhalten, deshalb verschweigt sie ihren Kindern, wer und was sie wirklich sind. So wundert sich Sohn Rowan über seine schlimme Sonnenallergie und Tochter Clara darüber, dass sie sich krank fühlt, obwohl sie sich vegan ernährt. Bis sie ihr Coming Out hat und aus Notwehr zubeißt. Ups. Nicht so gut für's Normalo-Image.

Eine hintergründige Geschichte um Familiengeheimnisse, bürgerliche Heuchelei und Identitätsfindung, mit typisch britischem Humor und Understatement erzählt. Jedem blutleeren Ratgeber zur Selbstverwirklichung vorzuziehen!

Matt Haig
Die Radleys. Ein Vampirroman
Aus dem Englischen von Friederike Levin
Verlag: rororo
ISBN: 978-3499255274
9,99 Euro


Ausschnitte der Buchcover: "Die Radleys" von Matt Haig und "Rumgurken" von Tex Rubinowitz
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Ausschnitte der Buchcover: "Die Radleys" von Matt Haig und "Rumgurken" von Tex Rubinowitz

  • Zum Verreisen im Kopf

Tex Rubinowitz: Rumgurken

"Paralleltourismus" nennt der Niedersachse Tex Rubinowitz das, was er treibt, wenn es ihn in die Ferne zieht. Motto: Alles außer Sehenswürdigkeiten. Er fährt ins finnische Sodankylä zum nördlichsten Filmfestival der Welt, besucht eine königliche Hochzeit in Bhutan und, mit einer beinahe rührenden und total unerwarteten Begeisterung, den Eurovision Song Contest in Baku. Oft geht ihm das Geld aus, die Worte dagegen nie. Rubinowitz kann mit jedem reden, behauptet er, egal, welche Sprachen er alle nicht spricht: "Ich habe einmal in Japan einen ganzen Nachmittag mit einem trisomischen Kind geredet, es ging, wir erfanden eine neue Sprache". Und schreiben kann er sowieso.

Wenn man ihm auch auf seinen mitunter desaströsen Reisen nicht gern folgen würde, seinen Texten mit Überschriften wie "Die Tage der reitenden Leichenwäscher" oder "Was gibt's da zu grinsen, Rumäne?" folgt man mit dem größten Vergnügen.

Tex Rubinowitz
Rumgurken. Reisen ohne Plan, aber mit Ziel
Verlag: rororo
ISBN: 978-3499257759
11,99 Euro

Frauke Niemeyer: Ein Jahr in Rio de Janeiro


Cover-Ausschnitt "Ein Jahr in Rio de Janeiro" von Frauke Niemeyer
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Cover-Ausschnitt "Ein Jahr in Rio de Janeiro" von Frauke Niemeyer

Haben Sie sich auch schon mal überlegt, wie es wäre, ins Ausland zu gehen? Für länger als drei Wochen? Ich ja. Und auch wenn es mich nicht unbedingt nach Rio de Janeiro ziehen würde, hat mich Frauke Niemeyers Schilderung ihres brasilianischen Auslandsjahres doch mitgerissen. Sie beschreibt nämlich nicht nur die mitunter befremdenden Eigenarten der Cariocas (Einwohner Rios), sondern mit verblüffender Ehrlichkeit auch die eigenen Schwierigkeiten, in der Fremde zurechtzukommen. Und gewinnt dem Kulturschock immer wieder komische Seiten ab.

Frauke Niemeyer
Ein Jahr in Rio de Janeiro. Reise in den Alltag
Herder Verlag
ISBN: 978-3451061615
12,95 Euro

  • Extra-Tipp

Das Magazin "Reportagen". Verlag Puntas Reportagen AG, erscheint alle zwei Monate und kostet 15 Euro

Viele kleine Lesereisen bietet die Zeitschrift "Reportagen". Journalisten, Reporter, aber auch bekannte Buchautoren wie Linus Reichlin oder Sibylle Berg erzählen wahre Geschichten aus aller Welt. Von Menschen, die in Manila auf dem Friedhof leben, von einem Japaner, der nach dem Tsunami drei Tage lang auf dem Ozean trieb, oder vom rituellen Abschlachten junger Seevögel in Schottland. Aktuelle Berichterstattung mit besonderem Blickwinkel, sehr reizvoll. Überraschend aktuell aber auch die Sparte "Historische Reportage". Man reibt sich die Augen und hebt die Mundwinkel, liest man in der Aprilausgabe des in Leinen eingeschlagenen Magazins, was Mark Twain in seiner unnachahmlich inkorrekten Art bereits 1869 über das arme Griechenland schrieb...

reportagen.com


Stand: 08.07.2012, 10.38 Uhr