Prominente als Identifikationsfigur Hohle Idole

Wenn Jugendliche sich nach Vorbildern umsehen, dann werden sie immer öfter im Fernsehen fündig. Mit ungünstigen Auswirkungen für das Selbstbild, warnt Bernd Gäbler. Der Medienwissenschaftler hat die vielfach nachgeahmten Shows von Dieter Bohlen, Heidi Klum und Daniela Katzenberger untersucht.


Eine blonde Frau hält lächelnd einen pink beklebten Klodeckel mit der Aufschrift "Katzenklo" in die Kamera

WDR 2: Herr Gäbler, was finden Jugendliche an denen?


Bernd Gäbler: Jugendliche gehen in diesen Sendungen zu ihren Idolen oder zu den Protagonisten sogenannte parasoziale Beziehungen ein. Sie imaginieren, wie es wäre, wenn man zum Beispiel Dieter Bohlen zum Vater oder zum Freund hätte. Und viele glauben dann: 'Der ist besonders ehrlich, da werde ich endlich wahrgenommen, der sagt mir die Meinung, der schmiert mir keinen Honig um den Bart'. Als Identifikationsangebot in diesen Sendungen dienen meistens die Kandidaten. Also man setzt sich in diese Lage hinein und sagt: 'Wie wäre ich da aufgetreten? Hätte ich das mit mir machen lassen?' Und das Verblüffende ist, gerade bei der Sendung "Germany's Next Topmodel" mit Heidi Klum: Viele Mädchen, die diese Sendung oft und regelmäßig gucken, glauben tatsächlich, dort ginge es um die Ausbildung zum Beruf Model. Was natürlich Quatsch ist. Die werden nur darauf gedrillt, zu funktionieren, das hat mit dem eigentlichen Beruf nichts zu tun.

Die Macher sagen natürlich: "Im Leben wird denen ja eh nichts geschenkt, wir bereiten sie vor auf die harte Lebenswirklichkeit."

Bernd Gäbler: Nirgendwo sonst im Fernsehen wird die Relevanz so betont wie in diesen Sendungen: 'Wir stehen nur stellvertretend für das harte Leben da draußen, hier könnt ihr noch üben, was später Realität wird.' Und die Entwicklung der Persönlichkeit: 'Wir tun alles, damit du deine inneren Kräfte wecken kannst.' Das schüchterne Mädchen blüht auf zu einem strahlenden Model. Aber wenn man genauer hinguckt, was meint denn diese Persönlichkeitsentwicklung, dann ist es in der Regel die Erfüllung der Erwartung, die durch die autoritäre Jury gesetzt wird.

Der heimliche Lehrplan lautet: Du sollst funktionieren. Es sind nicht Schulen zur Entfaltung von Individualität, sondern Schulen des Gehorsams. Dort ist 'der Kunde' der große Mythos. Wenn 'der Kunde' etwas will, dann musst du das tun, und du bist nur professionell wenn du das machst, egal was es ist. Das heißt, wir haben hier eigentlich etwas sehr Unzeitgemäßes vorliegen: eine autoritäre Erziehung zum Gehorsam.

Nehmen die Jugendlichen das denn tatsächlich ernst oder nehmen die das als Unterhaltung wahr?

Bernd Gäbler: Beides. Natürlich können viele Jugendliche das auch ironisieren, aber viele spielen es erstmal nach. Auf Kindergeburtstagen wird der Catwalk geübt, oft die ganze Sendung nachgespielt. Schon achtjährige Mädchen beurteilen sich dann gegenseitig mit 'Du bist zu fett'.

Halten Sie diese Formate denn für gefährlich?

Bernd Gäbler: Ich halte sie für typisch für einen Trend in der Gesellschaft, dass nämlich das Äußerliche, die Selbstdarstellung, die Selbstvermarktung, die Oberhand gewinnt gegenüber der Substanz von Können und Wissen. Das ist es, was ich gefährlich finde, weil da Tendenzen des Marktgeschehens und des Konformismus hochgehalten werden und das eigentlich Substanzielle der Entwicklung einer Persönlichkeit in den Hintergrund gedrängt wird.

Das Interview führte WDR 2 Moderator Stefan Quoos


Stand: 24.10.2012, 16.00 Uhr