WDR 2 Die Kritiker - Ballett in Dortmund Träumer, Tanzen, Lieder

Von Ulrike Burgwinkel

Ein spannender Ballettabend in zwei Teilen hatte in Dortmund Premiere: "Sleepers Chamber" von Christian Spuck und "Cantata" von Mauro Bigonzetti - Albtraumhaftes und dörfliche Fröhlichkeit.


Szene aus "Cantata"
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Szene aus "Cantata"

Gleich zwei neue Stücke konnte das Dortmunder Tanzpublikum am Sonntag (12.02.2012) Abend begutachten. Ballettdirektor Xin Peng Wang hat sich zwei Gäste ans Haus geholt, um das Repertoire seiner Compagnie zu erweitern und den Zuschauern andere Tanz-Handschriften zu bieten - neben der seinen. Das gehört sich so, will man national und über den eigenen Tellerrand hinaus Erfolg haben.

Abwechslungsreicher Abend

Es sind der Stuttgarter Hauschoreograph Christian Spuck, der in der nächsten Spielzeit das Zürcher Ballett von Heinz Spoerli übernehmen wird, mit dem Stück "Sleepers Chamber" und der Italiener Mauro Bigonzetti, der schon häufiger in der Revierstadt reüssierte und als freier Choreograph für verschiedene Compagnien arbeitet, mit "Cantatas". Es ist ein sehr abwechslungsreicher Abend; denn unterschiedlicher könnten die beiden Stücke kaum sein. Zum Verständnis: "Träumer" im Titel  gilt fürs erste Stück, "Tänzer" als Brücke zwischen den beiden gilt natürlich für beide und "Lieder" für den zweiten Teil des Ballettabends.  


Szene aus "Sleepers Chamber"

Kammer der Schläfer

"Sleepers Chamber", als Kammer der Schläfer hat Christian Spuck sein Stück bezeichnet. "Schläfer", das sind nicht nur Spione oder Terrorzellen auf Abruf, das sind auch Heuschrecken, die in der Wüste jahrelang unter der Erde überwintern, um dann plötzlich in Schwärmen aufzusteigen und ihren unbändigen Hunger zu stillen.

Riesenheuschrecken im eleganten Pas-de-Deux

Im kalten Marmorgeviert der Bühne, belebt von leichtem Metallspangeriesel  bilden schwarzmetallige Riesenheuschrecken die Folie für ein grandioses Tanzstück. Die Tänzer in schwarzen  Anzügen, mit Frackschößen wie Käferflügel, schmal mit grau-beigen Hemdchen die Frauen. Es wird getanzt auf flacher Sohle; klassisch grundierte Bewegungen: hohe und lange Beine mit perfektem Spann, elegante Pas-de-Deux, harmonisch ineinander fließende Bewegungen, perfekte Drehungen. Ein Genuss. Sogar auf dem Boden.


Szene aus "Cantata"

"Sleepers Chamber": Traumhaftes, Albtraumhaftes

Doch "Sleepers Chamber" hat mehr zu bieten: Traumhaftes, Albtraumhaftes, eine Ästhetik des Schrecklich-Schönen. Kleinigkeiten wie zum Beispiel extrem abgewinkelte Handgelenke, abrupte Stopps, Erstarren auf dem Boden in Rückenlage mit verschränkt hochgereckten Beinen: wie Käfer in Todesstarre. Und schließlich die großen Spitzhüte. Da mag mancher die "Spion&Spion"-Geschichten in den Mad-Comics erinnern mit ihren spitzen langen Bärten und Schlapphüten. Im Tanzstück von Christian Spuck sind sie allerdings ein Kostümaccessoire, das den Kopf erhöht und gleichzeitig versteift, das mitgenommen werden muss in die Bewegung - und wenn es mithilfe der eigenen Hände ist. So enstehen surreale Bilder in Kombination mit der atmosphärisch dichten Musik von Martin Donner.

"Cantata": Kinderlieder, Volksmusik, Tarantellas

Dagegen wirkt "Cantata" von Mauro Bigonzetti wie eine Petitesse: fröhliche Musik, banale Choreographie. Er schildert das Leben auf einem italienischen Dorfplatz und nutzt dazu Musik aus seiner Heimat: Kinderlieder, Volksmusik, Tarantellas, Serenaden. Auf so einem italienischen Dorfplatz pulsiert das Leben.   

Gute Laune auf dem Dorfplatz

Es wird gezankt, geflirtet, gehüpft, geredet, gejuchzt, gelacht; es gibt Zuschauer und Akteure. Was für ein Tanzstück bedeutet: Manche tanzen, andere stehen drum herum und gucken zu. Zu sehen sind aneinandergereihte lose kleine Szenen, ganz der Musik entsprechend. Die Bewegungen sind nicht der "Kunstsprache" Tanz entnommen, sie sind eher an den Alltag angelehnt;  dazu gehören zum Beispiel Hüpfer und Hopsen, Promenaden, Kreisspiele oder Kopfschütteln mit wunderschön fliegenden langen Haaren. Die Frauen tragen bunte Kleidchen, die Männer 50er Jahre-Hosen und -Hemden. Das Ganze hat Schwung, sieht hübsch aus, macht gute Laune. Und eine mitreissende Schlussszene mit dem ganzen Ensemble tanzend auf der Bühne. Viel Applaus.

Ein Abend mit zwei sehr gegensätzlichen Stücken, ein spannender Abend mit hervorragenden Tänzern. Das Publikum freut sich.

Weitere Aufführungen:

17.02; 26.02.( Beginn: 18.00h) und 09.03.; 17.03. Beginn jeweils um 19.30h; sowie in den Folgemonaten.

Aufführungsort: Theater Dortmund, Platz der Alten Synagoge, 44137 Dortmund

www.theaterdo.de


Stand: 13.02.2012, 12.00 Uhr