WDR 2 Die Kritiker - Kölner Schauspiel Troerinnen zum Abschied

Von Stefan Keim

Das Kölner Schauspielhaus nimmt Abschied von Karin Beier. Im Sommer wechselt die Intendantin ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg. Nun zeigt sie ihre letzte Inszenierung in Köln: "Die Troerinnen des Euripides".

Karin Beiers Intendanz am Kölner Schauspiel war eine große Zeit. In den vergangenen sechs Jahren hat sie es zu einer deutschsprachigen Spitzenbühne gemacht. Mehrmals wurde ihr Haus in Kritikerumfragen zum besten deutschsprachigen Sprechtheater gewählt. Mit den "Troerinnen des Euripides" verabschiedet sie sich nun und wechselt nach Hamburg.


Troerinnen
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Wassergott Poseidon ist erbost über die Zerstörung Trojas

Verzweiflung im gottverlassenen Troja


Der Trojanische Krieg ist vorbei. Die Griechen haben gewonnen, die Helden Trojas sind tot. Ihre Witwen warten nun darauf, als Sklavinnen in die Fremde abtransportiert zu werden. Sie wüten, klagen, jammern. Die Götter haben sich zurückgezogen, von ihnen ist nichts mehr zu erwarten. Davon erzählt der antike griechische Tragödienautor Euripides in seinem Stück "Die Troerinnen". Ein düsterer, hoffnungsloser Text, ein Antikriegsstück, in dem gezeigt wird, dass es nur Verlierer gibt. Denn auch die Griechen wirken verloren, müde, wollen nur noch nach Hause.


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Die Witwen aus Troja werden versklavt

Beier hält das Publikum auf Abstand

Jean-Paul Sartre, der Philosoph und Schriftsteller, hat das Stück in den sechziger Jahren bearbeitet und ein bisschen modernisiert. Viele mythischen Bezüge, die heute nur noch Experten verstehen, hat er gestrichen und die Sprache dem 20. Jahrhundert angenähert. Aber so ganz in die Gegenwart holen wollte Sartre die Tragödie nicht. Und auch Karin Beier hält in ihrer Kölner Inszenierung das Publikum oft auf Abstand. Die Schauspielerinnen stoßen altgriechische Klagerufe aus, begleitet von Livemusikern, die vor allem zirpen und trommeln. Einmal marschiert ein riesiger Frauenchor im Rücken des Publikums auf und donnert ohrenbetäubend rhythmische Rufe.


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Großes Leid: Inmitten der Verzweiflung soll auch noch ein Kind geopfert werden

Überragende Schauspieler

Berührend wird es vor allem, wenn es um eine der Frauen geht, die ein Baby hat. Andromache ist die Gattin des Helden Hektor. Ihr kleiner Sohn muss sterben, weil die Griechen Angst haben, er könne sich später für den Tod seines Vaters rächen. Die überragende Schauspielerin Lina Beckmann zeigt Andromache erst als wütende Kämpferin. Dann zerbricht sie und kann sich schließlich nicht einmal mehr auf den Beinen halten.

Die verführerische Helena

Um nicht zwei Stunden ohne Pause nur tiefste Verzweiflung zu zeigen, gibt es auch ein satirisches Zwischenspiel. Die verführerische Helena, deren Flucht aus Griechenland den Krieg erst auslöste, sucht nach Gründen, um sich zu retten. Die Griechen hätten doch jetzt tolle wirtschaftliche Möglichkeiten, meint sie, neue Handelswege zum Beispiel. Und sie habe das ja alles nicht so gemeint. Sie argumentiert absurd und verlogen wie es viele Politiker tun, die sich rausreden wollen. Schließlich fordert ihr Ex-Mann das Publikum auf, per Knopfdruck zu entscheiden, ob er Helena direkt oder erst nach der Heimreise abmurksen soll. Diese Parodie auf Fernsehshows zum Mitmachen ist etwas zu viel, vor allem weder originell noch witzig. Da leistet sich Karin Beier einen geschmacklichen Ausrutscher.


Die verführerische Helena
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Die verführerische Helena stürzt alle ins Unglück

Doch sonst ist ihre Aufführung ein würdiger Abschluss ihrer tollen sechs Jahre in Köln. Wer ihre Inszenierungen gesehen hat, wird viele Elemente wiederfinden. Das körperbetonte Spiel, den gnadenlosen Blick auf eine trostlose Welt, die Verbindung von Sprechtheater mit Livemusik. Karin Beier steht für ein extremes, kompromissloses, auch politisches Theater, das ein großes Publikum erreicht. Sämtliche angekündigten Vorstellungen der "Troerinnen" sind bereits ausverkauft. Vielleicht kann man an der Abendkasse noch eine zurückgegebene Karte kriegen, es gibt natürlich weitere Aufführungen. Im Sommer geht Karin Beier dann als Intendantin an die größte deutsche Sprechbühne, das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg. Den Abschied aus Köln haben ihr die vielen Intrigen der lokalen Kulturpolitiker leicht gemacht. Sie hat es geschafft, das Kölner Schauspiel wieder zu einem der wichtigsten im deutschsprachigen Raum zu machen. Indem sie Mut zu ungewöhnlichen und kantigen Aufführungen zeigte.

Termine 15., 16., 18., 19., 20. Januar, 1., 2., 3. Februar, jeweils 19.30 Uhr (alle ausverkauft, weitere Termine folgen)

Expo XXI Gladbacher Wall 5 50670 Köln

Weitere Informationen unter 0221 - 221 28400.


Stand: 14.01.2013, 12.35 Uhr


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