WDR 2 Die Kritiker - Junges Theater "Halbstark" in Münster

Von Stefan Keim

Eine ganze Festival-Woche widmet Münster Theaterstücken, die speziell für Jugendliche zwischen 9 und 13 Jahren gemacht sind. Zum Beispiel der Jugendkrimi "Verschwunden" - eine moderne Version von Hänsel und Gretel.


Szene aus der italinieschen Produktion "Storia di una famiglia" - Die Geschichte einer Familie, das beim "Halbstark"-Festival aufgeführt wird.

Sie sind keine kleinen Kinder mehr, aber auch noch keine Jugendlichen. Oft nehmen sie noch die Kuscheltiere mit ins Bett, aber tagsüber wollen sie cool wirken und kennen jeden Jediritter aus "Star Wars". Es ist nicht einfach, Theater zu machen für Kinder zwischen 9 und 13 Jahren. Sie haben schon einige Erfahrungen, doch die ganz wilden Pubertätsgeschichten kann man ihnen noch nicht um die Ohren knallen. Deshalb beschäftigen sich viele Theatermacher lieber mit Stücken für Kinder oder für Jugendliche. Für die Altersstufe dazwischen gibt es weniger in den Spielplänen.

Witzige, originelle, künstlerisch hochwertige Aufführungen


Das will nun das Festival "Halbstark" in Münster verändern. Zum zweiten Mal zeigt es noch bis Sonntag (11.11.2012.) internationale Aufführungen, die gerade für Kinder zwischen 9 und 13 gedacht sind. Da gibt es eine hinreißende Zirkusperformance aus Belgien, das "Caroussell de Moutons" (Karussell der Schafe) mit einem sich drehenden und in die Luft erhebenden Konzertflügel und zwei Artisten. Oder einen französischen Schauspieler, der mit Hilfe von Haushaltsgeräten erklärt, wie man in eine mit allen technischen Finessen abgesicherte Bank einbricht. Es sind witzige, originelle, künstlerisch hochwertige Aufführungen, die nun zu günstigen Preisen von Städten in NRW gebucht werden können. Die Förderung herausragender Gastspiele ist eins der Anliegen des Festivals.

Hänsel und Gretel reloaded

Das Junge Theater Münster, das zusammen mit dem kleinen Theater an der Meerwiese Gastgeber des Festivals ist, leistet auch selbst einen hervorragenden Beitrag. "Verschwunden" von Charles Way ist ein Kinderkrimi, der auf dem Märchen von "Hänsel und Gretel" basiert.


Szene aus der Produktion "Braquage"

Kinderkrimi

Hans und Grete haben nur noch sich. Die beiden Geschwister passen aufeinander auf, bilden eine Solidargemeinschaft. Ihre Mutter ist gestorben, der Vater hat wieder geheiratet, dann seinen Job und damit auch den Halt verloren. Jeden Abend besäuft er sich. Seine neue Frau ist frustriert, hatte sich ihr Leben anders vorgestellt. Ihre Wut lässt sie an den Kindern aus.

Hans als cooles Straßenkämpferkind

Manuel Herwig spielt Hans als cooles Straßenkämpferkid mit Kapuzenpulli und weichen Gesichtszügen. Er würde gerne härter wirken als er ist, zumindest am Anfang. Eine perfekte Identifikationsfigur für Jungs zwischen 10 und 13, in denen noch viel Kindliches steckt, die aber auch älteren Idolen nacheifern. Seine Schwester Grete ist jünger, verspielter, der Vater gutwillig und schwach, ein Zerbrochener, auf den sich keiner mehr verlassen kann. Und dann gibt es die böse Stiefmutter, natürlich eine Paraderolle. Christiane Nothofer zeigt eine attraktive Frau, die um ihr Glück kämpft und es einfach nicht hinnehmen will, in Vorstadttrübsinn  zu versacken. Sie glaubt, dass nur Kälte und Härte zum Erfolg führen. Etwas anderes hat sie nicht kennen gelernt.


Szene aus der Produktion "Verschwunden"

Gesellschaftskrimi statt Märchen

Grete wird entführt. Charles Way verknüpft das Märchen von Hänsel und Gretel mit einem realen Kriminalfall. 2008 wurde in England eine Neunjährige entführt. Die Eltern selbst waren die Täter, präsentierten sich in den Medien als weinende Opfer, sammelten Spenden, um das vermeintliche Lösegeld bezahlen zu können. Im Stück macht sich nun Hans auf die Suche nach seiner Schwester, lässt sich nicht abschrecken und entmutigen, erkennt schließlich die brutale Wahrheit. Aus dem Märchen ist ein gesellschaftskritischer Krimi geworden, in dem es nicht nur um Spannungseffekte sondern auch um die Hintergründe geht. Auch wenn die Boshaftigkeit der Stiefmutter schockiert, hat sie ihre sozialen Grundlagen.

Nicht nur für Kinder

"Verschwunden" bleibt auch nach dem Festival im Spielplan des Theaters Münster. Die von Kristo Sagor inszenierte Aufführung ist ein Beweis, dass gutes Kindertheater auch für Erwachsene interessant ist. Weil es nicht nur um Kinder geht, sondern auch um die Eltern und die Aufführung ein gemeinsames, spannendes Theatererlebnis ermöglicht, über das man noch lange reden kann.

Das "Halbstark-Festival" läuft noch bis Sonntag (11.11.2012) an verschiedenen Orten in Münster.

Nächsten Aufführungen von "Verschwunden"
17. November und 10. Dezmeber um 19:30 Uhr
Weitere Aufführungen zwischen Januar und März

Theater Münster, kleines Haus
Neubrückenstr. 63, 48143 Münster
Karten: 0251 – 5909 100
www.halbstark-muenster.de


Stand: 09.11.2012, 11.25 Uhr