WDR 2 Die Kritiker - "Kein Licht" Fukushima auf der Bühne

Von Stefan Keim

Das Kölner Schauspiel hat seine neue Spielzeit mit "Kein Licht" von Elfriede Jelinek eröffnet. In dem Werk setzt sich die österreichische Nobelpreisträgerin mit der Atomkatastrophe von Fukushima auseinander. Inszeniert von Karin Beier


Szene aus "Kein Licht" von Elfride Jelinek

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Gedankenströme, Wutanfälle und Kalauer

Die Natur ist fies. Natürlich hat der Mensch sich gegen sie vergangen. Aber so gemeine Sachen wie einen Tsunami auf Japan zu schicken und die Atomkatastrophe von Fukushima auszulösen, das darf die Natur einfach nicht machen. Das ist einer der bitterbösen, ironischen Gedanken aus Elfriede Jelineks neuem Stück "Kein Licht". Die Nobelpreisträgerin aus Österreich schreibt keine Geschichten mit handelnden Personen. Ihre Theatertexte sind Gedankenströme, Wutanfälle und Kalauer wechseln sich ab. Immer behandelt sie aktuelle Ereignisse.


Szene aus "Kein Licht" von Elfride Jelinek

Erfolgsduo Beier / Jelinek

Das Kölner Schauspiel hat schon Jelineks Stück über die Wirtschaftskrise ("Die Kontrakte des Kaufmanns") gezeigt. Und über das Absacken des Stadtarchivs hat sie den Text "Ein Sturz" geschrieben. Beide Aufführungen liefen sehr erfolgreich und waren zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Nun hat Intendantin Karin Beier Jelineks neues Werk auf die Bühne gebracht. Es ist ein sehr kurzer Text, gerade eine Stunde lang. Deshalb gibt es im ersten Teil des Abends ein Vorspiel, das "Demokratie in Abendstunden" heißt. Und das doppelt so lang dauert wie die eigentliche Uraufführung.

"Demokratie in Abendstunden"

Der Text ist eine Zitatensammlung von Joseph Beuys, dem Schriftsteller Rainald Goetz und vielen anderen. Ein kleines Orchester probt, während von draußen Donnergeräusche zu hören sind. Vielleicht ist es bloß ein Gewitter, vielleicht geht gerade die Welt unter. Es gibt kleine Machtkämpfe untereinander und mit dem Dirigenten. Schließlich versammeln sich alle zu einem wilden, stampfenden Sprechchor. Alles, was die Menschheit voran bringen sollte, die Französische Revolution, der Sozialismus, die bürgerliche Demokratie wird als Dreck bezeichnet. Das Ganze soll eine Reinigung der Gedanken sein, den Kopf frei machen für Neues. Doch an den Wänden läuft eine schwarze Flüssigkeit herunter, die Katastrophe draußen macht vor dem Probenraum nicht Halt.


Szene aus "Kein Licht" von Elfride Jelinek

Der Humor ist böse und schwarz, die Schauspieler sind großartig

Nach einer Pause gibt es dann Jelinek. Den Titel "Kein Licht" nimmt Regisseurin Karin Beier wörtlich. Der erste Teil spielt in kompletter Dunkelheit. Dann sieht man in einem abgeschlossenen Glaskasten einige Schauspieler als Musiker sitzen. Ihr Spiel ist stumm. Sie haben ihre Töne verloren. Die Bühne ist mit schwarzem Matsch bedeckt. Darauf rutschen die Darsteller herum, eine Japanerin klebt Fotos von vermissten Personen an die Wände. Während sich die Kollegen über sie lustig machen. Elfriede Jelinek witzelt über die Halbwertszeit der Töne und darüber, dass Künstler so für die Kunst brennen, dass man sie auch als Brennelemente bezeichnen kann. Der Humor ist böse und schwarz, die Schauspieler sind großartig, es gelingen einige beklemmende Bilder. Aber der Abend ist auch recht lang und verliert zwischendurch an Spannung. Karin Beier hat in den vergangenen Jahren bessere Aufführungen gezeigt, aber auch diese ist ungewöhnlich und hat tolle Momente.

Aufführungen:
5., 9., 12., 15. Oktober, jeweils 19.30 Uhr,
30. Oktober 16 Uhr.

Schauspielhaus Köln,
Offenbachplatz, 50677 Köln.
Karten: 0221 – 221 28400


Stand: 30.09.2011, 12.00 Uhr