WDR 2 Die Kritiker - "Der Prozess": Kafka in der Bilderflut
Das Düsseldorfer Schauspielhaus setzt gleich zum Saisonbeginn Maßstäbe - jedenfalls, was opulente Bilder angeht. Die Bearbeitung von Franz Kafkas Roman "Der Prozess" ist aber nur halb gelungen.
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Inszeniert vom russischen Starregisseur Andrej Mogutschi: "Der Prozess" im Düsseldorfer Schauspielhaus (Fotostrecke 1)
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- Audio: WDR 2 Kritiker: "Der Prozess" - opulente Bilder (17.09.2012) Stefan Keim, WDR 2 Mittagsmagazin
Der russische Starregisseur Andrej Mogutschi inszeniert den "Prozess" im Düsseldorfer Schauspielhaus. Die Bühne hebt und senkt sich, Kulissen fliegen hinein, Schauspieler gleiten auf einem Boot durch sich bewegende Traumlandschaften. Das Düsseldorfer Schauspielhaus setzt gleich zum Saisonbeginn Maßstäbe, was opulente Bilder angeht. Dennoch ist die Bearbeitung von Franz Kafkas Roman "Der Prozess" nur halb gelungen.
In den Mühlen eines undurchschaubaren Systems
Die Geschichte hat an Gültigkeit nicht verloren. Ein Angestellter namens Josef K. gerät in die Mühlen eines undurchschaubaren Systems. Er ist angeklagt, weiß aber nicht, wieso. Ein Prozess wird vorbereitet, wann er beginnt, steht in den Sternen. Konkret ändert sich in K.s Leben zunächst nichts, aber er weiß, dass er beobachtet wird. Er begegnet seltsamen Menschen, einem dekadenten Anwalt, willigen Frauen, einem geheimnisvollen Maler. Das Ende bleibt offen. Kafka hat den Roman nicht vollendet, es ist nicht einmal klar, in welcher Reihenfolge die einzelnen Kapitel gelesen werden sollen. Da bleibt viel Freiraum für eine Bühnenbearbeitung.
Starregisseur aus St. Petersburg
In Düsseldorf arbeitet nun ein russisches Team rund um den Starregisseur Andrej Mogutschi aus St. Petersburg. Er ist dort Hausregisseur am Nationaltheater, spielt aber mit der freien Gruppe, die er vor 23 Jahren gegründet hat, auch auf der Straße. Mogutschi ist ein Mann fürs große Spektakel, er hat auch schon eine Oper im Innenhof des Kreml inszeniert. In Düsseldorf greift er in die Vollen, zeigt einen Bilderrausch in Schwarzweiß und lässt einen 70köpfigen Bürgerchor aufmarschieren. Alle tragen dunkle Anzüge, schwarze Hüte und weiße Hemden – wie Josef K. Doch entgegen den großen Ankündigungen bleibt die Rolle des Chores klein. Der Hauptdarsteller Carl Alm kommt aus Finnland, was man an manchen seltsamen Betonungen hört. Ein hagerer, großer Mann mit Bart, der meist kerzengerade auf der Bühne steht und nur einmal Gefühle zeigt. Da zertrümmert er einen Konzertflügel, in dessen Inneren staubige Puppen liegen. Dieser Mann ist ein wandelndes Rätsel, ein Fremder, was den Zugang zur Aufführung erschwert. Denn zum Mitfühlen lädt dieser Josef K. nicht ein.
Keine gesellschaftliche Deutung
Dass es an diesem Abend nicht um Psychologie geht, sagt der Chor schon zu Beginn. Eine politische oder gesellschaftliche Deutung des Romans liefert Regisseur Mogutschi allerdings auch nicht. Sondern Traumtheater mit oft überraschenden, mal faszinierenden, mal albernen Bildern. Ein Besuch Josef K.s beim Advokaten rutscht in derben Klamauk, die Schauspieler laufen mit Ganzkörper-Nacktanzügen und Gummigenitalien herum. Nach der Pause gibt es plötzlich keine großen Bilder mehr, sondern ruhiges Erzähltheater. Als ob dem Regieteam die Fantasie oder das Geld ausgegangen wären. Die hohen Erwartungen kann der Düsseldorfer "Prozess" nicht erfüllen.
Der Prozess
Düsseldorfer Schauspielhaus
Gustaf-Gründgens-Platz 1
40211 Düsseldorf
Termine: 17., 21., 22. September jeweils 19.30 Uhr, 30. September 18 Uhr, 3., 23., 24., 25., 27. Oktober, jeweils 19.30 Uhr
Karten: 0211 – 36 99 11
Stand: 17.09.2012, 09.54 Uhr
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