NRW-Theater in der neuen Spielzeit Kabale, Liebe und Migranten

Von Stefan Keim

Vorhang auf für die neue Theaterspielzeit: Die meisten Bühnen öffnen jetzt ihre Häuser. Was sind die Highlights und Trends der neuen Saison? Ein Streifzug durch die Theaterlandschaft von NRW mit WDR 2 Kritiker Stefan Keim.


Die Schauspielerin Aida Keykhaaii (als Ehefrau Mitra) diskutiert mit ihrem Kollegen Javad Molania (als Ehemann Omid) in dem Theaterstück "Dürre und Lüge" in Mülheim an der Ruhr (Foto vom 14.10.2009).
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Die Schauspielerin Aida Keykhaaii (als Ehefrau Mitra) diskutiert mit ihrem Kollegen Javad Molania (als Ehemann Omid) in dem Theaterstück "Dürre und Lüge" in Mülheim an der Ruhr


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Zwei Menschen sterben, weil sie vergiftete Limonade trinken. Hier geht es nicht um ein Propagandastück gegen die Macht von Coca Cola, sondern um einen Klassiker von Friedrich Schiller. "Kabale und Liebe" ist das meistaufgeführte Stück auf den NRW-Bühnen in der kommenden Spielzeit. Der Grund ist einfach: Die Tragödie ist 2014 Abitur-Stoff. Da verspricht man sich viel Zwangspublikum von den Gymnasien.


Um ihre Eltern vor der Hinrichtung zu retten, wird Luise von Sekretär Wurm gezwungen, einen Liebesbrief an Hofmarschall von Kalb zu schreiben - Illustration zum Drama "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller (Stahlstich um 1865)
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Zwangsbesucher für NRWs Theater? Illustration zum Drama "Kabale und Liebe" von Friedrich Schiller (Stahlstich um 1865)

Umsetzung in die Gegenwart

Das Stück erzählt vom Streit zwischen Adeligen und Bürgerlichen. Dazwischen wird ein Liebespaar zerrieben, Luise und Ferdinand. Das ist nicht gerade das aktuellste Thema. Und am Ende des Stücks denkt man aus heutiger Sicht, die beiden müssten bloß mal vernünftig miteinander reden. Dann wäre die Giftlimo völlig unnötig. Für dieses bürgerliche Trauerspiel eine heute überzeugende Umsetzung zu finden, ist keine leichte Aufgabe. Ihr stellen sich die Theatermacher unter anderem in Bielefeld, Krefeld, Essen und Dortmund. Dort allerdings in einer reizvollen Kombination. Denn wenige Wochen nach der Premiere von Schillers Klassiker zeigt der Hörspiel- und Filmemacher Jörg Buttgereit sein Stück "Kannibale und Liebe". Buttgereit gilt als Experte für die Trashkultur und überschreitet witzig und selbstironisch die Grenzen des Geschmacks.


Szene aus einem Film von und mit Jörg Buttgereit
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"Experte für die Trashkultur": Jörg Buttgereit mischt die Theaterszene an der Ruhr auf

Autorenworkshop mit Migrationsthematik

Außerdem verstärken die Theater in NRW ihre Aktivitäten für Migranten und ihre Kinder. Allerdings gibt es kaum Stücke, die vom Leben der "zweiten Generation" erzählen, den in Deutschland geborenen Leuten, deren Eltern noch aus einer anderen Kultur stammen. Deshalb hat das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel einen Autorenworkshop gestartet. "In Zukunft" heißt er und richtete sich ausschließlich an Schriftsteller, deren Familien aus dem Ausland kommen. Der Sieger des Wettbewerbs ist der 1991 in Essen geborene Akin E. Sipal. Sein Stück "Vor Wien" zeigt das Landestheater nun als Uraufführung.

Goethe und der "Arabische Frühling"

Nebenan in Bochum erarbeitet der aus Bielefeld stammende Nuran David Calis ein neues Stück mit Schauspielschülern. Der Sohn armenisch-jüdischer Eltern erforscht in "Kinder der Revolution", was aus dem "Arabischen Frühling" geworden ist. Auch das Theater an der Ruhr in Mülheim beschäftigt sich mit diesem Thema und veranstaltet ein Festival mit Aufführungen aus Tunesien, Libyen, dem Libanon und anderen Ländern. Ungewöhnlich ist ein Projekt am Rheinischen Landestheater Neuss. Da kommt Johann Wolfgang Goethes "West-östlicher Divan" auf die Bühne, eine Gedichtsammlung über die Begegnung von Orient und Okzident. Dazu kommen andere Texte, die Theaterleute wollen Goethes Begegnung der Kulturen in die Gegenwart weiter denken.


Nuran David Calis
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Erforscht, was aus dem "Arabischen Frühling" geworden ist: der aus Bielefeld stammende Nuran David Calis

Kampf um Geld

Münster hat einen neuen Intendanten. Ulrich Peters hat zuvor das Theater am Gärtnerplatz in München erfolgreich geleitet. Nach Westfalen ging er, um ein Mehrspartentheater mit Oper, Schauspiel, Tanz, Kinder- und Jugendtheater zu leiten. Eben das ist nun gleich zu seinem Amtsantritt in Gefahr. Denn die Stadt will fast zwei Millionen kürzen. Peters lässt sich das nicht gefallen und wird kämpfen. Kaum in NRW angekommen steht er gleich im Mittelpunkt des Interesses.


Der neue Intendant der Städtischen Bühnen in Münster, Ulrich Peters
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Kampfeslustig: Der neue Intendant der Städtischen Bühnen in Münster, Ulrich Peters, sieht sich durch Sparpläne von der Stadt getäuscht. "Ich fühle mich ganz entschieden düpiert und unter falschen Voraussetzungen hierhergelockt", erklärte Peters.

Neustart für Kölns Oper

Das gilt auch für Birgit Meyer, die neue Intendantin der Kölner Oper. Nach der Kündigung ihres Vorgängers Uwe Eric Laufenberg und einem deutschlandweit heftig diskutierten Kulturskandal muss sie das Musiktheater wieder in ruhige Gewässer steuern. Und gleichzeitig beweisen, dass sie das von Laufenberg deutlich verbesserte Niveau halten kann.


Birgit Meyer, die neue Intendantin der Kölner Oper
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Das Niveau muss gehalten werden: Birgit Meyer, die neue Intendantin der Kölner Oper

Unkonventionelles bei der Ruhrtriennale

Der dritte wichtige Neustart der Saison ist die gerade laufende Ruhrtriennale. Hier hat der neue Chef Heiner Goebbels ein Programm zusammen gestellt, das nur aus ungewöhnlichen Formen besteht. Wer eine von vorne bis hinten erzählte Geschichte sehen möchte, muss woanders hin gehen. Die Ruhrtriennale zeigt Theater, das wie eine Kunstausstellung betrachtet werden will. Da denkt sich auch jeder Besucher beim Betrachten der Bilder etwas anderes. Die Publikumsresonanz ist bisher gar nicht schlecht, viele Vorstellungen sind ausverkauft.

"Die Agonie und Ekstase des Steve Jobs"

Ein Schauspieler könnte in Dortmund groß raus kommen: Andreas Beck, ein großer, wuchtiger, komödiantisch-kraftvoller aber auch sensibler Darsteller. Er spielt einen Soloabend, die deutsche Erstaufführung von "Die Agonie und Ekstase des Steve Jobs". Dieses Stück über die dunklen Seiten des visionären Unternehmers und Erfinders wurde in den USA heiß diskutiert. Nun haben es die Dortmunder selbst übersetzt.


Stand: 16.09.2012, 10.31 Uhr