Bruce Springsteen in Köln Leidenschaftlicher Einsatz

Von Ingo Schmidt

Ein faszinierender und berührender Konzertabend, bei dem Bruce Springsteen viel Leidenschaft in jede der 190 Konzertminuten legte, bis er vor Erschöpfung nicht mehr singen konnte.

Die Reaktionen wiederholen sich: Schon 2007 nach dem umjubelten Konzert in der Kölnarena rangen die Fans am WDR-2-Mikrophon nach Worten, vergaben Prädikate wie "Unglaublich!", "Gigantisch", "Unbeschreiblich", oder meinten: "Ich muss das erst mal verarbeiten".


Bruce Springsteen am 27. Mai 2012 beim Konzert in Köln

Fans mit leuchtenden Augen


Mit leuchtenden Augen verließen gestern 41.000 Fans die Show von Bruce Springsteen im Kölner Stadion und fassten das Erlebte ebenso kurz mit "Phänomenal!", "Das Beste!" und "Wahnsinn!" zusammen oder mussten das "erst mal verdauen". Man könnte wohl beliebig weit in der über 40-jährigen Karriere des Rockstars zurückreisen, zusammen mit seiner legendären E-Street Band ist er stets ein Garant für Euphorie, Gänsehaut und einen stetig hohen Adrenalinspiegel bei seinem Publikum. Und es ist tatsächlich schier unbeschreiblich: Beim von WDR 2 präsentierten, ausverkauften Konzert schien der US-Amerikaner bis auf ein paar Falten kaum gealtert. Jugendlich frisch, energetisch, kraftvoll und vor allem mit einer mitreißenden Spielfreude präsentierte er Songs aus seinem neuen Album "Wrecking Ball" und natürlich zahlreiche Springsteen-Klassiker – und das beim 26. von 63 Konzerten seiner "x-sten" Welttournee.


Bruce Springsteen am 27. Mai 2012 beim Konzert in Köln

Bruce Springsteen am 27. Mai 2012 beim Konzert in Köln

Star zum Anfassen

Bei perfektem Open-Air-Wetter hatten sich bereits Stunden vor dem Konzert lange Schlangen vor den Eingängen gebildet – viele Fans wollten dem "Boss" möglichst nahe sein. Warum, zeigte sich mehrfach während des fast ohne Verschnaufpause durchgerockten Sets: Immer wieder suchte der bestens aufgelegte Star die Nähe zu seinen Fans, kniete vor Ihnen, schüttelte Hände, ließ sich schließlich von letzteren tragen oder zu "Darlington County" beim Gitarrespiel "unterstützen". Ein kleiner Junge mit großen, grünen Gehörschützern fand sich plötzlich auf der Bühne wieder und intonierte ebenso textsicher wie die 41.000 den Refrain von "Waiting On A Sunny Day". Wie herzlich sich Springsteen darüber freute, konnte auf drei riesigen Videoleinwänden beobachtet werden. Die Bühnenshow war insgesamt eher schlicht gehalten, passend zum Look Bruce Springsteens, der sich in Jeans, schwarzem Hemd und einer hellen Telecaster nur wenig von seinem Konterfei auf dem Cover des Erfolgsalbums von 1984 ("Born In The USA") unterschied.


Bruce Springsteen am 27. Mai 2012 beim Konzert in Köln

Bruce Springsteen am 27. Mai 2012 beim Konzert in Köln

Authentischer Rocker

Die "Normalität" und Bodenständigkeit lieben die Fans an dem Rocker. Faszinierend war an diesem Abend besonders seine Leidenschaft, die er in jede der rund 190 Konzertminuten legte. Wenn er mit tiefen Falten zwischen den Brauen bittersüße Melancholie verbreitete oder sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die Seele aus dem Leib röhrte, so glaubte man ihm jede Zeile – als hätte er "The River" gerade eben erst komponiert, als wäre jeder, in Pete-Townsend-Manier geschlagene Akkord von "Born To Run" sein letzter. Das neue Material wie "Wrecking Ball" (Abrissbirne) zeigte die sozialkritische Seite des Künstlers, hier rechnet er kritisch mit Börsenhaien ab. Der typische kraftvolle Springsteen-Stadionrock war unter anderem mit "Born To Run" oder "Born In The USA" vertreten.

Gedenkminute für Clemons

Einen sehr berührenden Moment gab es mit einer Video-Hommage an den 2011 verstorbenen Bandkollegen Clarence Clemons. Während das ganze Stadion den großartigen Saxophonisten bejubelte, hielt die Band für eine Minute inne. Clemons fand auf der Tour durch seinen Neffen Jake einen würdigen Vertreter. Die Stars und langjährigen Mitglieder der E-Street-Band wie Nils Lofgren, "Little Steven" alias Steven van Zandt oder Max Weinberg standen der Toppform ihres Bosses an diesem Abend in nichts nach. Sie wurden ergänzt durch Backgroundsänger und eine Bläsersektion.

"One More!"

Nach über drei Stunden purer Energie lag "Bruuuuce" (so skandierten die 41.000 immer wieder) erschöpft am Bühnenrand und zeigte an, dass er nicht mehr singen könne. An dieser Stelle hätte er wohl die Hilfe von seinem Kölner Freund und Kollegen Wolfgang Niedecken gebrauchen können. Der war bereits öfter als Überraschungsgast bei den Kölner Gastspielen aufgetaucht, was auch diesmal laut Presseberichten geplant war. Mit einem "One more!" rappelte sich Springsteen aber noch einmal selber zu einem großartigen Finale mit "10th Avenue Freeze Out" auf. Der "Boss" bedankte sich bei jedem seiner 15 Mitarbeiter einzeln, mit denen er nun weiter zum letzten Deutschlandkonzert dieser Tour nach Berlin zieht.

Setlist
1.No Surrender
2.Two Hearts
3.We Take Care Of Our Own
4.Wrecking Ball
5.The Ties That Bind
6.Death To My Hometown
7.My City Of Ruins
8.Spirit In The Night
9.The E Street Shuffle
10.Jack Of All Trades
11.Atlantic City
12.Darlington County (Intro: Honky Tonk Woman)
13.She's The One
14.Working on The Highway
15.Shackled And Drawn
16.Waitin' On A Sunny Day
17.Apollo Medley (The Way You Do The Things You Do)
18.The River
19.The Rising
20.Radio Nowhere
21.We Are Alive
22.Land Of Hope And Dreams
23.Born In The USA
24.Born To Run
25.Hungry Heart
26.Seven Nights To Rock
27.Dancing In The Dark
28.American Land
29.10th Avenue Freeze Out

Stand: 28.05.2012, 10.04 Uhr