Bob Dylan feat. Mark Knopfler am 23.10.2011 in Oberhausen Dylan bleibt unberechenbar

Von Ingo Schmidt


Bob Dylan

Sensation, Sternstunde, Legenden - diese Begriffe fielen jüngst immer wieder in den Schlagzeilen, wenn es um Bob Dylan und Mark Knopfler ging. Die beiden haben zwar stets allzu großen Rummel um ihre Person gescheut. Dennoch werden sich die Musikfans einig sein: Wenn zwei der bekanntesten und einflussreichsten Künstler der Rockgeschichte gemeinsam auf Tour gehen, dann sind diese Superlative angebracht. Erst im Juli war nach langer Geheimhaltung bekannt gegeben worden, dass die beiden im Doppelpack die großen Hallen in Europa bespielen wollen, acht deutsche Städte stehen dabei auf dem Tourplan. In kürzester Zeit waren die Tickets fast vollständig vergriffen, wie auch die 11.000 für das erste Deutschland-Konzert gestern Abend in der Oberhausener Arena, das von WDR 2 präsentiert wurde.

Vorbild Dylan

Die gemeinsame Sache der Musiker kommt nicht von ungefähr. Bereits 1979 und 1983 haben sie sich bei der Produktion von zwei Dylan-Alben gegenseitig schätzen gelernt. Diese Zusammenarbeit war für den Schotten Knopfler ein Highlight seiner Karriere, wie er zuvor im WDR-2-Interview verriet. Denn Dylan sei schon in seiner Kindheit eines seiner Idole gewesen. Trotz einiger Parallelen –Sprechgesang, tiefgängige Texte, Folkelemente – warf aber gerade die Unterschiedlichkeit beider Werke spannende Fragen für den Abend in Oberhausen auf: Würde das Publikum (das zu einem großen Teil aus Männern bestand), gleichermaßen Freude an beiden Acts finden? Ein musikalisches Experiment der Sonderklasse.


WDR 2 präsentiert Bob Dylan und Mark Knopfler am 23.10.2011 in Oberhausen - Übertragungswagen des WDR

Knopfler- und Dylan-Fans "in Arms"

Der Funke sprang schnell auf die gesamte Arena über, als "Very Special Guest" Mark Knopfler und seine siebenköpfige Band mit "Why Aye Man" im Uptempo loslegte. Nachdem "Cleaning My Gun" vom aktuellen Soloalbum für rockige Westernatmosphäre sorgte, ließ der 62-jährige mit "Sailing To Philadelphia" den Song folgen, den zahlreiche Zuhörer später am Mikro von WDR-2-Reporter Thomas Steinberg als ihr Highlight des ersten Abschnitts nannten – dazu gehörten auch die Fans, die vor allem wegen Bob Dylan gekommen waren. Letztere beurteilten den Mittelteil in Knopflers Set aber oftmals als zu langsam und zu soft. "Brothers In Arms" einte dann alle Lager wieder – 11.000 im komplett bestuhlten Rund erhoben sich zu stehenden Ovationen für dieses zeitlose Dire-Straits-Meisterwerk. Nach dem Finale mit "Speedway At Nazareth" geschah dann Ungewohntes auf der Bühne: Die Musiker verließen diese nicht etwa, sondern steckten ihre Köpfe zusammen und beschlossen, mit "So Far Away" umgehend eine Zugabe folgen zu lassen. Die Fans genossen diese Gute-Laune-Nummer mit dem typischen glockenklaren Knopfler-Sound tanzend.


Mark Knopfler am 23.10.2011 in Oberhausen

Teilweise geglücktes Experiment

Die schnelle Zugabe hatte ihren Grund: Der "Top-Act" des Abends wartete bereits hinter der Bühne. Nach einer kurzen Umbaupause betrat Bob Dylan im schwarzen Anzug und schwarz-weißen Lackschuhen unter tosendem Applaus die Bühne. Von seinem Gesicht sollte man den Rest des Abends nicht viel zu sehen bekommen, denn das verschwand im Schatten eines großen, weißen Hutes. Inmitten der in weißen Anzügen gekleideten Begleitmusiker stand dann unangekündigt Mark Knopfler. Der veredelte die Pausen zwischen Dylans rauchigen Zeilen mit seinen perligen Licks und zeigte beim raren "Blind Willie McTell", dass ihm auch der originäre Blues liegt. Als Knopfler nach dem vierten Stück ebenso plötzlich wieder verschwand, verließen auch zahlreiche Zuschauer die Arena, schätzungsweise ein Viertel der 11.000 hatten bis zum Konzertende vorzeitig die Heimreise angetreten. Sicher waren darunter viele eingefleischte Knopfler-Fans, die mit dem Set von Bob Dylan nicht klar kamen. Der überraschte durch neue Arrangements seiner Songs, die so selbst für Fans schwer wiedererkennbar waren. Aber das ist typisch Dylan: Er erfindet sich stets neu, interpretiert sein eigenes Werk immer wieder anders und bleibt unberechenbar. Vom einstigen jungen Mann mit der Gitarre und der Mundharmonika war in Oberhausen nicht viel übrig. Mit seiner sehr jungen Band gab er sich teils ungewohnt rockig und düster, vollführte mitunter aber auch einen weiten Spagat fast bis zum Easy Listening. Seinen größten Hit "Blowin' In The Wind" hatte er erst gar nicht auf die Setliste genommen. Dafür gab es aber zum Finale "All Along The Watchtower" und "Like A Rolling Stone", bei denen die Fans vorne zur Bühne stürmten und den "Einstein der Popmusik" (Newsweek) frenetisch feierten. Am Ende also doch ein größtenteils geglücktes Experiment.

Setliste Mark Knopfler
1. Why Aye Man
2. Cleaning My Gun
3. Sailing To Philadelphia
4. Hillfarmers Blues
5. Privateering
6. Sonny Liston
7. Night In Summer
8. Marbletown
9. Brothers In Arms
10. Speedway At Nazareth
11. So Far Away
Setliste Bob Dylan
1. Leopard-Skin Pill-Box Hat
2. It Ain’t Me, Babe
3. Blind Willie McTell
4. Things Have Changed
5. Spirit On The Water
6. Love Sick
7. The Levee's Gonna Break
8. A Hard Rain's A-Gonna Fall
9. Highway 61 Revisited
10. Tryin' To Get To Heaven
11. Thunder On The Mountain
12. Ballad Of A Thin Man
13. All Along The Watchtower
14. Like A Rolling Stone

Stand: 24.10.2011, 08.00 Uhr