Joss Stone am 16.09.2012 in Köln Groove und Soul

Von Sascha Kinzler

Für ein gutes Konzert braucht man vor allem eines: Soul. Das zeigte Joss Stone bei ihrem von WDR 2 präsentierten Konzert in Köln vor 2.000 begeisterten Zuschauern.


WDR 2 präsentierte Joss Stone im Kölner E-Werk

Im Alter von vierzehn Jahren nahm ein 1987 in der englischen Grafschaft Devon geborenes Mädchen namens Joscelyn Eve Stoker am britischen Talentwettbewerb "A Star For A Night" teil. Was Sie dort sang? Seichten Teenager-Pop?! Nein … guten, alten Soul natürlich! Und es war diese Version von Donna Summers 1979er-Hit "On The Radio", welche das Mädchen wenig später unter dem Künstlernamen Joss Stone zum Star machen sollte – aber nicht nur für eine Nacht: Musik-Produzent Steve Greenberg war von der stimmlichen Reife, die bei  "On The Radio" zu hören waren, so begeistert, dass er die junge Soul-Röhre zum Vorsingen nach New York fliegen ließ, ihr hernach einen Plattenvertrag gab und mit ihr ein Debüt-Album mit neu interpretierten Soul-Songs aufnahm, das für Furore sorgte. "The Soul Sessions" (Erstveröffentlichung 2003) verkaufte sich fünf Millionen mal und schoss in Deutschland aus auf Platz vier der Charts .

Rückkehr zu den Wurzeln

Fast eine Dekade, fünf Longplayer, zahlreiche Auszeichnungen und elf Millionen verkaufte Alben ist das her. Dann rief Greenberg wiederum bei Joss Stone an. Und so kam es, dass die hübsche Britin nun, im Alter von 25 Jahren, mit "The Soul Sessions Vol. 2" (hierzulande veröffentlicht am 14. August 2012)  zu ihren Wurzeln und noch mehr guten alten Soul-Songs in neuem Gewand zurückkehrt. Live machte Stone samt Band und neuem Album im Gepäck auch in Deutschland Station: Ihre Tour führte sie erst nach Berlin, dann nach Hamburg und schließlich nach Köln, wo sie 2.000 Fans im ausverkauften E-Werk erwarteten.

Groove von Anfang an


Sparsamer Lichteinsatz: Die Band von Joss Stone beim Konzert in Köln

Das Publikum im rappelvollen E-Werk staunte nicht schlecht, als nach der Vorband "Leslie Clio" die Bühne erst einmal mit einem haushaltsüblichen Staubsauger wie ein Wohnzimmer gereinigt wurde. Doch wer Joss Stone schon einmal live gesehen hat, weiß, warum diese Prozedur angebracht ist: Die Sängerin fühlt sich auf der Bühne barfuß eben am wohlsten, und wer hat schon gerne Splitter oder Scherben im Fuß? Kurz nach 21 Uhr zischte dann Trockeneis, das E-Werk wurde dunkel und eine schlanke Joss Stone im kurzen schwarz-weißen Kleid legte gleich mit zwei Songs vom neuen Album groovend los. Als zweites spielte sie dabei ihre aktuelle Single "While You're Out Looking For Sugar" -  im Original 1969 aufgenommen von dem Soul-Frauen-Trio "The Honey Cone". 

Mitsing-Pop, Balladen und Retro-Klänge

Stone und ihre achtköpfige Band zeigten sich von Anfang an frisch und druckvoll, und tight dargebotene Arrangements glänzten unter anderem mit raffinierten Breaks, Bläser-Sätzen und durchweg voluminösem Sound – erstaunlich, welche satten Retro-Klänge etwa dem Keyboard entströmten. Insgesamt brachte die Band inklusive eines Medleys sechzehn Lieder von treibendem Soul, leichtem Mitsing-Pop über sehr laid back gespielte, bluesige Balladen bis hin zu Uptempo-Soul mit Double-Bassdrum und Rock-Gitarre zu Gehör. Sieben der Songs stammten dabei vom aktuellen Werk "The Soul Sessions Vol. 2".

Joss Stone mag es dreckig

Wer aber im Publikum, das etwa zu gleichen Teilen aus Männern und Frauen bestand, glaubte, er käme an diesem Abend mit ein wenig Mitsummen davon, hatte die Rechnung ohne Joss Stone gemacht. Denn als die Menge bei "Fell In Love With A Boy" das eingängige "Ah-haa-ha-ha-haa-ha" gemütlich sang, erwartete die ansonsten eher schüchterne Sängerin mehr Einsatz. "Ich schätze die Anstrengung", sang sie ebenso charmant wie soulig, "aber das ist ein bisschen zu, zu ... nett für mich. Ihr seid so verdammt süß. Aber das ist nicht wirklich dass, was ich suche, ich will nicht süß! Ich hatte gerade süß! Wir brauchen mehr … ." Und tatsächlich gelang es der 25-jährigen, die 2.000 mit folgenden Worten aus der Reserve zu locken. "Es spielt überhaupt keine Rolle, ob ihr den Ton trefft, ich will, dass ihr es aus der Tiefe Eurer Seele meint!"

Kristallklare Stimme

Dass sie letzteres auch selbst so hielt und darüber hinaus natürlich jeden mit kristallklarer bis röhrig-dreckiger Stimme traf, bewies sie nicht nur bei den groovenden Nummern, sondern auch in reduzierten Akustik-Versionen wie unter anderem bei der Zugabe "Landlord", dem begeisterten Applaus nach einem der Höhepunkte des Abends. Nach gut eineinhalb Stunden verabschiedete sich zunächst Joss Stone, dann hörten die Musiker nacheinander auf zu spielen und verließen endgültig die Bühne. Insgesamt hatten die tighten Neun bewiesen, dass man nicht mehr an Lichtshow braucht als ein paar bunte und allenfalls noch ein paar atmosphärische Muster werfende Spots für ein gutes Konzert braucht. "Liebt die Musik und sie wird Euch zurück lieben!" hatte Joss Stone ihrem Publikum an diesem Abend unter anderem mit auf den Weg gegeben. Anders gesagt: Man braucht für ein gutes Konzert vor allem eines: Seele. In diesem Fall Soul. Und eine Prognose sei schlussendlich noch gewagt: Aus Sicht des Kölner Publikums kann Greenberg bestimmt noch mindestens zwei weitere Male bei Joss Stone anrufen.

Setliste
1. (For God's Sake) Give More Power To The People
2. While You're Out Looking For Sugar
3. You Had Me
4. Super Duper Love
5. Stoned Out Of My Mind
6. Teardrops
7. Big 'OlGame
8. I Don't Want To Be With Nobody But You
9. The High Road
10. Tell Me What We're Gonna Do Now
11. Pillow Talk
12. Fell In Love With A Boy
13. First Taste Of Hurt
14. Landlord
15. Medley
16. Right To Be Wrong
17. Tell Me What We're Gonna Do Now (Reprise)

Stand: 17.09.2012, 06.58 Uhr