Replay des Monats Juni Paul Simon - Graceland

Von Helmut Brasse

Das Album "Graceland" hat im Leben von Paul Simon eine ganz besondere Bedeutung. Nicht nur weil es mit geschätzten 14 Millionen Exemplaren sein erfolgreichstes Solowerk war. Zum 25. Geburtstag wurde "Graceland" neu aufgelegt.


Mit Graceland verfolgte Paul Simon seine Vision der Verbindung von afrikanischer Musik mit westlichen Popklängen. Mit dem Album geriet er Mitte der 1980er Jahre zwischen die Fronten im Kampf gegen die Apartheid in Südafrika. "Graceland" erschien 1986 und der 25.Geburtstag im vergangenen Jahr ist nun Anlass für einige Jubiläums-Aktivitäten. Der mittlerweile 70-jährige Musiker gibt in diesem Sommer in einigen europäischen Ländern spezielle "Graceland" "-Konzerte. Und natürlich wurde auch das Album neu aufgelegt in gleich mehreren Versionen.

Die ultimative "Graceland"- Ausgabe

Highlight der Neuauflagen ist die "Graceland"-Box mit 2 CDs und 2 DVDs. Sie fasst alles wissens, sehens- und hörenswerte über das Werk zusammen. Der Reiz an der Box fängt schon bei Ihrer Gestaltung an. Ein massiver buchartiger Einschub-Karton enthält einen 80-seitigen Bild- und Textband mit vielen Zitaten beteiligter Musiker und Wegbegleiter. Dazu kommt ein sehr aufwändig gestalteter Einband für die CDs und DVDs. Klappt man ihn auf, findet man in der Mitte eine Nachbildung von Paul Simon's Schreibblock, auf dem er die Texte zum Album entworfen und immer wieder verändert hat.

Grenzen beim Remastering

Natürlich beinhaltet die Box das Originalalbum. Es wurde neu gemastert, aber ein bemerkenswerter Soundgewinn gegenüber früheren Ausgaben ist nicht zu verzeichnen. Was schon immer gut klang, kann man nicht endlos verbessern. Eine zweite CD bietet einige alternative Versionen der bekannten Titel, fünf an der Zahl, doch nur zwei davon sind bislang unveröffentlicht. Dazu kommt noch ein 9-Minuten Track, in dem Paul Simon persönlich die musikalische Entstehung des Titelsongs erzählt. Sicherlich spannend, aber nichts, was man sich wiederholt anhören mag. Die CDs sind somit vergleichsweise der weniger interessante Teil der Box.

Bewegende Dokumentation

Herausragend an der "Graceland-Box" sind die beiden DVDs, allen voran die neue Dokumentation "Under African Skies" von Joe Berlinger. Im vergangenen Jahr reiste Paul Simon begleitet von einem Kamerateam nach Südafrika und traf einige der damaligen Mitmusiker wieder. Die Dokumentation zeigt aber nicht nur diese fröhliche Wiedervereinigung. Simon begegnete auch einem  führenden Kopf des ANC (African National Congress), der damals sein Projekt massiv kritisiert hat. Beide erzählen einander, wie sie jene Zeit erlebt haben, als die Apartheid in Südafrika noch bittere Realität war. Paul Simon verfolgte damals mit einer gewissen Naivität seine Vision vom Zusammenführen der verschiedenen Musikkulturen. Viele Kritiker und Opfer der Apartheid dagegen sahen in seiner Aktion eine Unterwanderung des UN-Kulturboykotts gegen Südafrika. Der Film geht sehr behutsam mit beiden Positionen um. Und endet mit einer sehr anrührenden Szene, wenn sich Simon und der ANC-Vertreter nach 25 Jahren in den Armen liegen.

Mehr als nur ein Pop-Album

Die zweite DVD enthält ein gefilmtes "Graceland"-Konzert von 1987 aus Zimbabwe, dessen Bedeutung sich nach der Dokumentation besonders erschließt. Mit der Tour hat Simon damals sein persönliches Zeichen gegen Apartheid gesetzt. Und weil er damals nicht in Südafrika auftreten konnte, ging er nach Zimbabwe begleitet von Musikern wie Miriam Makeba und Hugh Massakela, beides Exil-Südafrikaner und erklärte Apartheidsgegner.

Die Art, wie mit dieser Box die Story von "Graceland" erzählt und aufbereitet wird, ist mehr als vorbildlich. Und sie ist wegen ihrer politischen Brisanz so spannend wie kaum eine andere Entstehungsgeschichte eines Pop-Albums. Und das lässt einen dann auch das Original mit ganz anderen Ohren hören, egal ob neu gemastert oder nicht.    


Stand: 04.06.2012, 16.00 Uhr