Kabarettistin Gayle Tufts bei WDR 2: "Deutsch schimpfen tut gut"
Die Entertainerin Gayle Tufts stammt aus den USA, lebt aber schon lange in Berlin. Im Gespräch mit WDR 2 erzählt sie vom Zusammenhalt der Amerikaner nach Sandy und von Michelle Obamas vorbildlichen Oberarmen.

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Seit 22 Jahren steht sie auf deutschen Bühnen
WDR 2: Erstmal wollte ich mit Ihnen über den Wahlkampf reden, aber jetzt ist Sandy da gewesen, dieser Jahrhundertsturm der die amerikanische Ostküste verwüstet hat. Haben Sie Freunde oder Familie da wo Sandy war?
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- Audio: "Die New Yorker sind immer gut in Notsituationen": Interview mit der Entertainerin Gayle Tufts - Teil 1 (01.11.2012) Stefan Quoos / Gayle Tufts, WDR 2 Der Feiertag
- Audio: "Auf Deutsch schimpfen tut einfach gut": Interview mit der Entertainerin Galye Tufts - Teil 2 (01.11.2012) Stefan Quoos / Galye Tufts, WDR 2 Der Feiertag
Tufts: Ja, ich komme aus Massachusetts, habe jahrelang in New York gelebt. Gott sei Dank ist alles okay mit meiner Familie und meinen Freunden. Aber die Leute in New York haben keinen Strom. Das muss man heutzutage mal bedenken: Es ist nicht nur dunkel, es gibt kein heißes Wasser und keine Heizung, aber auch kein Handy, kein Facebook, keinen Computer... und nicht nur für einen Tag, das wird mindestens eine Woche dauern. Alle haben Kinder, die sind alle Zuhause, man muss einen Babysitter finden. Darum machen im Moment alle große Halloween-Parties, damit die Kinder sich nicht langweilen. Die New Yorker sind immer gut in Notsituationen. Die reißen sich zusammen und sind da füreinander. Der südliche Teil von Manhattan hat keinen Strom, oben ist aber okay. Die Leute sagen: 'Komm vorbei, wir machen essen, du kannst deinen Computer bei mir einstöpseln.' Man ist spontan und kann improvisieren.
WDR 2: Man hat den Eindruck, nach all den Schlammschlachten im Wahlkampf, jetzt stehen erstmal alle zusammen und packen mit an.
Tufts: Ja, das ist ein sehr amerikanisches Ding, besonders in New York, spätestens seit dem 11. September oder Hurrikan Katarina. Wir kommen zusammen. Wir sind ein Einwandererland, man muss irgendwie positiv denken, das ist im besten Sinne doch eine 'Yes, we can'-Situation."
WDR 2: Ihr aktuelles Buch und ihr Tourprogramm heißen 'Some like it Heiß'. Eine humorvolle Autobiographie, in der sie es sogar schaffen, weibliche Wechseljahre und Politik miteinander zu verknüpfen. Ich zitiere Mal: 'Die Wechseljahre sind ein demokratisches Erlebnis, alle bekommen sie irgendwann.' Die kriegt das Wort 'change' eine ganz neue Bedeutung.
Tufts: Ich muss sagen, das erste Mal als ich Barack Obamas Wahlspruch gelesen habe, 'Change we can believe in', ich wusste ich genau was er meinte.
WDR 2: Was meinen Sie: Werden wir in einigen Tagen einen politischen Wechsel in Washington erleben?
Tufts: I hope we don't! Ich bin lebenslange Demokratin und ich finde, Barack Obama braucht vier Jahre mehr. Ich habe Angst vor Mitt Romney, der ist ein Roboter. Ich verstehe nicht, warum er Kopf an Kop liegt. Natürlich gibt es eine riesengroße Arbeitslosigkeit, das ist ein großes Problem, aber ich denke, wir alle hier in Deutschland sitzen da und schütteln unseren Kopf. Und ich möchte natürlich vier weitere Jahre Michelle Obamas Oberarme bewundern können.
WDR 2: "'I wanna be Michelle Obama, i wanna have her Oberarma...' Ich hoffe, ich habe das einigermaßen richtig zitiert...
Tufts: Man muss diesen Reim machen, finde ich!
WDR 2: Was fasziniert Sie denn so an diesen Oberarmen? Also mir machen die ein bisschen Angst.
Tufts: Ich glaube, sie sind eine Art Vorbild für viele Amerikanerinnen. Und das ist wichtig. Zum Beispiel im Vergleich zu Deutschland: Spazierengehen als Freizeitbeschäftigung, das ist total fremd für uns. Seit 22 Jahren wohne ich in Deutschland, und habe endlich realisiert, die deutsche Antwort auf alles heißt "Lüften". "Komm, wir schnappen fünf Minuten frische Luft, wird alles wieder besser." Das kennen wir nicht im Amerika. Ich finde einfach gut, dass es hier diesen gesunden Lebensstil gibt.
WDR 2: Das höre ich gerne mit meinen 15 Kilo Übergewicht. Jetzt haben wir gehört was die Amerikaner von uns lernen können, was können wir denn umgekehrt von den Amerikanern lernen?
Tufts: *sofort* Bodenständigkeit! Ach, was ihr von uns lernen könnt? Spontaneität! Es gibt diese bestimmte Improvisationsfähigkeit der Amerikaner: "Komm, wir machen das einfach!" Hier ist es immer ein bisschen mehr so: "Okay, wir kommen, wir machen ein Meeting, wir sprechen darüber, dann planen wir, dann machen wir noch ein Meeting, und dann machen wir vielleicht was. Wir machen ein Konzept drüber." Ich finde die Mischung macht's. Mein Buch heißt "Some like it Heiß", ich mag dieses Denglisch, es ist nicht einfach schlechtes Deutsch für mich, es ist das Beste von beidem. Ich finde, Deutsche und Amerikaner passen sehr gut zusammen. Mein Mann zum Beispiel ist Norddeutscher. Immer wenn ich als Amerikanerin und Frau in den Wechseljahren durchdrehe, sagt er einfach, als guter Deutscher der er ist, 'Schritt für Schritt'. So ist das einfach. Ich gebe ihm Feuer unter dem Popo und er gibt mir Bodenständigkeit.
WDR 2: Schimpfen Sie auf Englisch mit Ihrem Mann oder auf Deutsch?
Tufts: Beides tut einfach gut. Ich war neulich in der Deutschen Bahn, natürlich mit Verspätung, und jemand hat gesagt: 'Scheiße, scheiße, scheiße!'. Das tut einfach so gut.
WDR 2: Werden Sie irgendwann zurückgehen in die USA oder bleiben Sie uns immer erhalten?
Tufts: Ich bleibe hier, ich bin so dankbar für Deutschland. Heute spiele ich in Köln, morgen in Düsseldorf, nach 22 Jahren bin ich endlich ausverkauft. Ich freue mich so sehr, dass die Deutschen mir einen Platz im Herzen und auf der Bühne gegeben haben. Natürlich besuche ich meine Familie und habe auch ab und zu Heimweh. Auch ein tolles Wort, muss ich sagen. Auf Englisch 'homesickness', viel besser auf Deutsch. Homesickness klingt dagegen, als ob man in die Wohnung kommt und kotzt. Ich hoffe, ich kann einfach immer Brückenbauerin zwischen diesen beiden Welten sein.
Das Interview führte WDR 2 Moderator Stefan Quoos.
Stand: 01.11.2012, 15.40 Uhr
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