"Maria TV" in Ägypten: Vollverschleiert auf Sendung
Ägypten hat einen neuen islamischen Fernsehsender: "Maria TV". Im gesamten Programm treten ausnahmslos Frauen auf, die vollverschleiert sind. WDR 2 Korrespondentin Cornelia Wegerhoff hat den Sender in Kairo besucht.
Kamerafrau Ingy gibt das Startzeichen. Im Studio 2 von Maria TV beginnt die Aufzeichnung einer neuen Folge von "Die Geheimnisse der Schönheit". Moderatorin Abeer ist gelernte Kosmetikerin. Sie erklärt, wie sich aus Kräutern und anderen natürlichen Zutaten eine Gesichtsmaske herstellen lässt. Wirkt hervorragend gegen Falten, lobt Abeer die Mixtur. Ob die Ägypterin auch persönlich mit ihrem Geheimrezept Erfolg hat, wird das Publikum aber wohl niemals erfahren. Die Moderatorin des neuen Frauen-Fernsehsenders sitzt zwar direkt vor der laufenden Kamera. Doch trotzdem bekommt sie keiner wirklich zu Gesicht. Abeer ist vollverschleiert. Und Ingy passt genau darauf auf, dass das auch so bleibt.

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Vollverschleiert vor und hinter der Kamera: Der ägyptische Sender "Maria TV"
Total verschleiert, immer
"Ich kontrolliere hinter der Kamera auch, ob die Kleidung richtig sitzt", sagt Ingy. "Wenn durch eine Bewegung plötzlich der Ärmel hochrutscht und der Arm zu sehen ist, gebe ich der Kollegin schnell ein Zeichen, damit sie das korrigiert." Auch die Kamerafrau ist von Kopf bis Fuß in tiefschwarzen Stoff gehüllt. Die Regler bedient sie in Handschuhen. Das einzige, was bei den Fernsehfrauen nicht bedeckt ist, sind die Augen, die durch einen schmalen Sehschlitz gucken. "Du zeigst doch im Radio auch nicht dein Gesicht", erklärt die Direktorin des Senders angriffslustig auf die Frage, ob Fernsehen Sinn macht, wenn nicht wirklich was zu sehen ist. Alla Ahmed ist auf dem Flur von den vielen anderen schwarzen Gestalten kaum zu unterscheiden. Doch wenn sie spricht, werden alle Frauen leise.
Nicht so entblößt wie die Tiere
"In Frankreich wurde der Niqab verboten", so Alla Ahmed weiter. "Das ist diktatorisch. Die verschleierten Frauen wurden dadurch entrechtet und weltweit in Misskredit gebracht. In der westlichen Welt wird ja immer gerne das Gegenteil behauptet, aber der Niqab gibt uns Frauen echte Freiheit. Und das ist auch die Grundidee von Maria TV. Bei uns geht es nicht ums Aussehen, um Arme, Beine, Haare, nein! Bei uns geht es nur um den Geist der Frauen, um ihre Meinung, um ihren Beitrag zur Gesellschaft. Für uns ist es keine Freiheit, sich zu entblößen wie die Tiere."
Festes Feindbild
Audio
- Audio: Islamistisches Fersehen mit Vollverschleierung in Ägypten: "Nicht so entblößt wie die Tiere" (02.010.2012) Cornelia Wegerhoff, WDR 2 Weltzeit
Die Seitenhiebe sitzen. Erst 21 Jahre alt ist die taffe Direktorin. Den Posten und die Parolen hat sie von ihrem Vater, Abu Islam. Er ist einer der bekanntesten Hassprediger Ägyptens, mit eigenem radikal-islamistischem Fernsehsender. Bei den gewalttätigen Protesten gegen den islamfeindlichen Mohammed-Film vor der amerikanischen Botschaft in Kairo riss er zuletzt eine Bibel in Stücke. Das Feindbild steht fest.
Islam steckt in allem
Frau-TV islamistisch - dazu gehört auch Koran-Gesang und eine Scheicha, die den Frauen das Wort Gottes erklärt. Seit zweieinhalb Monaten präsentieren die Vollverschleierten täglich vier Stunden Programm. "Wir sprechen über Gesundheit, Kindererziehung und Kosmetik, genauso wie über Religion und Politik. Wir machen ein Frauen-Kulturprogramm. Denn der Islam ist Kultur, er steckt in allem, was wir tun", erklärt die weibliche Predigerin.
Bericht über Heiraten mit zwölf
Bei der Redaktionskonferenz wird beschlossen, dass eines der nächsten politischen Themen im Programm die von den ägyptischen Salafisten geforderte Herabsetzung des Heiratsalters sein soll. Sie vertrete keine Partei, erklärt Allah Ahmed, aber auch sie fände es angemessen, wenn Ägypterinnen bald wieder mit zwölf Jahren heiraten könnten. "Haben die Mädchen in Deutschland nicht auch schon mit zwölf oder 13 einen Freund", fragt die Direktorin Alla Ahmed. "Wir sind in einem islamischen Land, da gehört sich so etwas nicht. Das ist Sünde. Wir wollen den jungen Frauen deshalb die Freiheit geben, schon früh zu heiraten, damit so eine Beziehung eine rechtliche Grundlage hat."
Aktiv sein gegen schlechtes Image
Kamerafrau Ingy kommt aus dem Studio, die Kosmetik-Sendung ist im Kasten. Die studierte Juristin kümmert sich jetzt um die Nachrichten: "Ich habe bei der ägyptischen Revolution mitdemonstriert. Wir müssen auch als Vollverschleierte unsere Meinung sagen. Die Leute haben ein schlechtes Bild von uns, aber das versuchen wir zu ändern, jetzt sind wir aktiv. Jede Frau soll sich kleiden, wie sie will, bitte schön. Aber diese Freiheit gilt auch für uns. Und ich hoffe, dass Gott die anderen auf den richtigen Weg bringt."
Stand: 02.10.2012, 16.36 Uhr
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