Pro und Contra Schulnoten erst ab der vierten Klasse

Von Stefan Lauscher / Leo Flamm

Alle Grundschulen in NRW dürfen mit den Eltern zusammen entscheiden, wann die Kinder Noten bekommen. Verpflichtend werden sie erst vom vierten Schuljahr an. Keine gute Idee, meint Leo Flamm. Gut so, meint Stefan Lauscher - der Druck komme noch früh genug.


Schulnoten
Bild 1 vergrößern +

Schulnoten

PRO Schulnoten erst ab der vierten Klasse

von Stefan Lauscher


Was wollen diese Ziffernnoten-Fetischisten eigentlich? Ist es wirklich so wichtig, schon in der Grundschule dieses "Ich-bin-besser-Du-bist-blöd"-Gen zu pflanzen? Gibt es Leistung und Einsatzbereitschaft in der Schule wirklich nur, wo es auch Notendruck gibt? Und wer sagt eigentlich, dass Leistung nur messbar ist, wenn eine "2" oder eine "5" auf dem Zeugnis steht?

Meine Kinder, ich habe drei, haben alle in ihrer Grundschulzeit nur Textzeugnisse bekommen. Und ich - aber auch die Kinder selber - haben trotzdem immer sehr genau gewusst, wo sie in der Schule stehen.

Aber ich habe mehr über sie erfahren: Wie sie sich einbringen im Unterricht. Wo ihre Stärken und ihre Schwächen sind. Wie ihr Verhalten in der Gruppe ist. Wo sie mehr tun müssen. Für mich war das immer wichtig zu erfahren. Was, bitte schön, soll daran falsch sein? Und wie soll man so etwas in einer Ziffernnote vermitteln?

Und dann kommt noch dieses "Das-Leben-ist-kein-Ponyhof"-Argument. Schon in der Grundschule sollten Kinder lernen: Nur Leistung und Besser-sein zählt. Und das sei auch noch wichtig für die Vergleichbarkeit der Schulen. Leute, bleibt mir weg mit diesem Unsinn!

Natürlich: Später in der Schule, wenn es um Zwischenprüfungen oder Schulabschlüsse geht, geht es nicht mehr ohne Ziffernnoten. Aber die Drittklässler sind acht, neun Jahre. Da sollen die Kinder was Vernünftiges lernen. Und bitte nicht, den Mitschüler, der vielleicht zwei Zehntelnoten besser ist, als ihren Gegner zu betrachten.


Schulnoten
Bild 2 vergrößern +

Schulnoten

CONTRA Schulnoten erst ab der vierten Klasse

von Leo Flamm


Ziffernnoten erst in der vierten Klasse der Grundschule? Ich bin dagegen. Man sollte Kinder nicht zu lange in Watte packen und sie von einer Wirklichkeit fernhalten, der sie sich eineinhalb Jahre später sowieso stellen müssen. Im Gegenteil, der Schock in der vierten Klasse wird um so größer, wenn hier plötzlich die Ziffernnoten eingeführt werden. Und gleichzeitig entschieden werden muss, auf welche weiterführende Schule es in Zukunft gehen wird. Das macht erst Recht Druck.

Ich bin für die derzeit fast überall gängige Praxis: Ziffernnoten und kommentierende Beschreibung – auch zum Abschluss der zweiten und in der dritten Klasse. Das schafft einerseits Klarheit und signalisiert einen Leistungsstand, unmissverständlich für Schüler und Eltern. Und eröffnet andererseits, falls notwendig, Zeit für Reaktionen und mehr Spielraum für Gespräche zwischen Eltern und Lehrern.

Außerdem bevorzugen alleinige Leistungsbeschreibungen bildungsnahe Schichten, die sich sowieso um ihre Kinder in der Schule kümmern. Eine Ziffernnote ist dagegen ein deutliches Signal, das auch von weniger interessierten Eltern klar als Warnung verstanden wird. Missverständnisse ausgeschlossen.

Ich bin gegen eine Brechstangen- und Leistungspädagogik und gleichzeitig gegen eine Kuschelpädagogik. Aber wir müssen unsere Kinder fördern und rücksichtsvoll auf das wirkliche Leben vorbereiten. Deswegen hoffe ich, dass sich die meisten Grundschulen und Eltern für die bisher übliche Praxis entscheiden werden: für Ziffernnoten und Leistungsbeschreibung.

Audio


Stand: 02.02.2012, 12.20 Uhr