Walter Sittler im WDR 2-Interview: "Schmutziger Sieg"
Die Mehrheit der Wähler in Baden-Württemberg hat sich für das umstrittene Progjekt "Stuttgart 21" ausgesprochen. Ein "schmutziger Sieg" für die Bahnhofsbefürworter, sagt Walter Sittler, Schauspieler und prominenter Gegner des Projekts im WDR 2 Interview.

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Der Schauspieler Walter Sittler vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof bei der 100. Montagsdemonstration gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 (21.11.2011)
WDR 2: Fast 60 Prozent - genau 58,8 – haben sich ganz klar entschieden – dafür nämlich, den Tiefbahnhof Stuttgart 21 so zu bauen wie geplant. Baden-Württembergs Grüner Ministerpräsident Winfried Kretzschmann, ein erklärter Bahnhofsgeger, hat nun angekündigt: Das war's mit seinem Widerstand gegen Stuttgart 21. Am Telefon ist jetzt Walter Sittler, Schauspieler und einer der prominenten Gegner von Stuttgart 21. Herr Sittler, guten Morgen, gilt das jetzt auch für Sie? Ist der Protest für Sie auch vorbei jetzt?
- Audio: S21-Gegner Walter Sittler: Schmutziger Sieg für Bahnhofsprojekt-Befürworter (28.11.2011) Walter Sittler / Jürgen Mayer, WDR 2 Morgenmagazin 28.11.2011 05:05:00
Walter Sittler: Guten Morgen, also: Der Protest, in der Form wie er bisher war, ist vorbei. Das gilt für mich auch. Ich habe das auch gesagt; habe gesagt: Der Widerstand gegen das Projekt muss jetzt anders weitergehen, weil: das wird ja nicht besser dadurch, dass es eine Zustimmung gegeben hat. Wir werden – also ich auch – das Projekt äußerst kritisch und aufmerksam und kampfeslustig begleiten. Das muss man auch, weil wir haben ja, was dieses Projekt angeht, keine funktionierende Opposition im baden-württembergischen Landtag. Auch nicht im Gemeinderat, da gibt es nur die SÖS, also Sozial-Ökologisch-Stuttgart und die Linke, und in einer Demokratie braucht man aber eine funktionerende wache, interessierte, informierte Opposition. Und das werden wir sein, aber natürlich sehe ich das genauso wie unser Ministerpräsident das gesagt hat: Das Baurecht – wie immer das jetzt zustande gekommen ist, das steht nicht zur Debatte - ist da, und wir müssen dafür sorgen, dass keine weiteren Fehler gemacht werden, oder die Fehler, die in dem Projekt noch sind – und das sind ganz viele – ausgemerzt werden, damit wir da keinen Mist bekommen.
WDR 2: Aber was heisst das: Der Protest "in der Form" ist jetzt für Sie vorbei – Sie gucken jetzt ganz genau was die, wo die schaufeln, graben, welche Bäume die fällen, und wenn es gegen das Recht verstößt, geht es wieder auf die Straße?
Walter Sittler: Nein, wo die graben, das weiß ich alles. Das ist alles bekannt. Wissen Sie, die Stuttgarter, die ja ein bisschen mehr gegen den Bahnhof waren, wenn auch es nicht eine Mehrheit gab; die Stuttgarter haben mit Mehrheit beschlossen, dass die Bäume gefällt werden und dass dieser Tiefbahnhof im Schlossgarten gegraben wird. Das findet jetzt statt. Da kann man auch gar nichts machen, das finde ich. Das ändert aber nichts daran, dass dieses Projekt Stuttgart 21 bahntechnisch und für die Menschen vor allen Dingen, für die Kundenfreundlichkeit, mit massivsten Fehlern belastet ist. Das behaupte nicht ich, das sind Eisenbahnfachleute aus der ganzen Welt, und deswegen müssen wir das begleiten, damit es nicht so schlimm kommt wie es im Moment noch geplant ist.
WDR 2: Das nun wirklich relativ viele Menschen gegen sozusagen den Baustopp gestimmt haben, sogar in Stuttgart selbst, hat Sie das nicht ein bisschen überrascht?
Walter Sittler: Das hat mich überracht und auch enttäuscht, das gebe ich zu. Dass aber so viele für den Ausstieg gestimmt haben, das macht mich ganz zufrieden, weil wir haben prozentual mehr Stimmen bekommen als die gesamte CDU in der letzten Landtagswahl. Das sind viele, viele Menschen, in effektiven Zahlen etwa 1,5 Millionen, wir sind also keine Bande von Verrückten und dagegen, sondern wir sind ohnehin für ein gutes Projekt. Warum sie da gestimmt haben, das wäre eine Analyse wert. Also wenn Sie mal gesehen haben, mit welchen Mitteln die Befürworter ausgestattet waren – Steuermitteln, Mitteln vom Bund, von der Bahn, eine Werbekampagne, die mit - wie ich behaupte – sehr unfairen Mitteln gekämpft hat – weil sie Behauptungen aufgestellt hat, die sie nie werden einhalten können – und, ich sag nochmal eins: Ich glaube, das ist ein relativ schmutziger Sieg geworden. Nicht, weil es eine Volksabstimmung war, oder weil das Gesetz nicht gut ist, sondern: Die Volksabstimmung kommt viel zu spät. Die hätte am Anfang stehen müssen. Die Volksabstimmung hat möglicherweise etwas legitimiert, was verfassungsrechtlich gar nicht richtig ist. Das ist nämlich nie geprüft worden, weil die SPD das nicht wollte. Sonst geht sie wegen jedem Kram vor das Verfassungsgericht. Aber hier, wo es um viele Milliarden geht, tut sie es nicht. Warum, müssen Sie die SPD fragen. Und ich glaube, man kann den Menschen schon Angst machen, wenn man sagt: Wenn ihr das macht, wenn ihr dagegen stimmt, dann kriegt ihr überhaupt nichts, dann müsst ihr zahlen, ganz viel zahlen und kriegt nichts. Das ist natürlich Angstmacherei, das ist so ein bisschen wie: "Deutschland geht unter".
WDR 2: Ein schmutziger Sieg war das für die Bahnhofsbefürworter – sagt Walter Sittler, Schauspieler und einer der prominenten Gegner von Stuttgart 21, live hier in WDR 2.
Das Interview führte WDR 2 Moderator Jürgen Mayer.
Stand: 28.11.2011, 09.07 Uhr
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