WDR 2 Quintessenz - Betrug mit Vorschüssen : Unglückliche Erben
Eine überraschende Erbschaft von ein paar Millionen Euro – kaum jemand würde bei einem solchen plötzlichen Geldsegen nicht gerne zugreifen. Das wissen auch Betrüger. Und da die wenigsten lange verschollene, reiche Anverwandte am anderen Ende der Welt haben, bieten die Gauner nichtsahnenden Opfern per Brief oder Mail ein paar Millionen an. Der Preis: Die Bereitschaft zur Erbschleicherei und Tausende Euro Vorschuss.

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Testament mit Euroscheinen
Trick mit Tradition
Nigeria-Connection – so hieß die Masche in den 80er Jahren. Damals schickten Betrüger (meist aus Nigeria, daher der Name) Briefe hauptsächlich an Geschäftsleute, in denen die Empfänger gebeten wurden, beim Transfer von Millionenbeträgen behilflich zu sein. Der Legende nach sollte es sich zum Beispiel um das Vermögen entmachteter Politiker oder von Geschäftsleuten handeln, die in Ungnade gefallen waren. Nun bräuchten deren Angehörige im Ausland das Geld und mit ein bisschen Hilfe aus dem fernen Europa sei die Überweisung kein Problem. Als Belohung winke eine üppige Provision.
Wer auf so einen Brief antwortete, sah allerdings erstmal kein Geld, sondern sollte zahlen - beispielsweise für Gebühren und Bestechungsgelder. Schöpfte das Opfer endlich Verdacht, war es meistens schon um eine vier- bis fünfstellige Summe ärmer und das Geld natürlich weg. Die handelnden Personen und die beteiligten Banken gab es wirklich. Das zu transferierende Vermögen war allerdings erfunden. Amtliche Schreiben und angebliche Belege stellten sich als – mehr oder wenige – geschickte Fälschungen heraus.
Die Verfolgung der Täter stoße bis heute, so heißt es bei der Polizei, an Grenzen, da weder die Polizei noch die Justiz wirklich effektiv mit afrikanischen Ländern wie Nigeria zusammenarbeite. Das Ganze nennt sich Vorschussbetrug. Erfunden hat das allerdings nicht die Nigeria-Connection. Angeblich ist die Masche bereits seit dem 16. Jahrhundert in Europa bekannt.
Vorschussbetrug heute
In den Anfängen schickten die Betrüger ihre Lockbriefe mit der Post, später mit dem Fax und dann per E-Mail. Viele Mails bleiben jedoch in Spamfiltern hängen oder werden von den Empfängern einfach gelöscht. Deswegen gehen die Täter inzwischen wieder dazu über, Briefe zu versenden. Auch die Geschichten und Vorgehensweisen der Betrüger sind inzwischen deutlich facettenreicher geworden. Im Fachjargon spricht man von Scam (engl. für Betrügerei, Trick, Betrugsmasche).
Nigeria-Scam
Der Klassiker. Die Geschichte mit den Schwarzgeldern afrikanischer Machthaber taucht immer mal wieder auf. Die Betrüger haben inzwischen aber auch mehr Phantasie entwickelt: Da werden beispielsweise - wie bereits erwähnt - Namensvettern von angeblichen Terroropfern gesucht, die ein Millionenerbe antreten sollen. Terroranschläge oder Naturkatastrophen sind immer wiederkehrende Details. Genau wie das Angebot, einen Teil des nicht ganz legal erworbenen Geldes für einen guten Zweck zu spenden.
Und alle Scams haben natürlich auch gemeinsam, dass der Geldtransfer nur mit Hindernissen möglich ist. Die können die Betrüger nur mit Vorschüssen von ihrem Opfer überwinden. Die zu überweisenden Vorschüsse liegen normalerweise irgendwo im Bereich zwischen eintausend und fünftausend Euro. Allerdings bleibt es nicht bei einer Überweisung.
Über ihre Bankverbindungen sind die Täter nicht zu fassen, da sie entweder falsche oder gestohlene Ausweise verwenden oder sich das Geld mit Hilfe von Bargeldtransfer-Diensten wie zum Beispiel Western-Union senden lassen. Bei letzteren gibt es in den meisten Fällen keine Kontonummer. Es reicht ein Ausweis, um das Geld innerhalb weniger Minuten an jedem beliebigen Ort auf der Welt abzuheben.
Love- oder Romance-Scam
Love-Scammer tummeln sich unter falscher Identität vor allem in Internet-Single-Börsen oder sozialen Netzwerken und suchen dort nach einsamen Opfern. Man gibt vor, sich verliebt zu haben und freut sich, wenn dieses Gefühl irgendwie erwidert wird. Es gehen Mails hin und her und dann gibt es finanzielle Probleme. Der Scammer oder die Scammerin braucht Geld. Beispielsweise, um ein Flugticket nach Deutschland zu kaufen oder um eine lebenswichtige Operation zu finanzieren. Wer mag da schon Nein sagen...
Apartment-Scam
Ein Geschäftsmann mit Wohnsitz im Ausland hat noch eine Wohnung in Deutschland. Die ist gerade frei geworden und soll nun weiter vermietet werden - zu einem auffallend günstigen Preis. Aber eine Reise nach Deutschland, nur um für die Wohnungsbesichtigung die Tür aufzuschließen, dafür sind keine Zeit und kein Geld da.
Also wird das Opfer gebeten, eine Kaution auf eine Treuhandkonto zu überweisen. Als Gegenleistung soll es den Wohnungsschlüssel geben. Bei Nichtgefallen schickt man den Schlüssel zurück, und der Treuhänder überweist die Kaution retour. Der gehört natürlich zur Bande und verschwindet mit der Kaution.
Gebrauchtwagen-Scam
Hier gehen die Täter etwas anders vor. Sie melden sich auf ein Gebrauchtwageninserat und erklären sich bereit, den geforderten Preis ohne Wenn und Aber und ohne Fahrzeug-Besichtigung zu zahlen. Allerdings erfolgt diese Bezahlung per Scheck. Durch ein „Versehen“ ist der Scheck über eine deutlich zu hohe Summe ausgestellt. Das ist aber kein Problem. Der Verkäufer soll den Scheck ruhig einlösen und das zu viel gezahlte Geld einfach dem Fahrer mitgeben, der den Wagen abholt. Dummerweise ist der Scheck nicht gedeckt, was die Bank, die ihn eingelöst hat, aber nicht sofort feststellen kann. Wenn der Schwindel auffliegt, sind Bargeld und Auto meistens schon abgeholt.
Was tun gegen Vorschussbetrüger?
Bei der Aussicht auf leicht verdientes Geld vergessen viele Menschen jegliche Vorsicht und alle Regeln des gesunden Menschenverstandes. Aber - von ganz seltenen Ausnahmefällen mal abgesehen - verschenkt niemand Geld; jedenfalls nicht an wildfremde Menschen. Gesundes Misstrauen ist immer angebracht, wenn jemand, den man nur aus Online-Kontakten kennt, plötzlich Geld haben will. Manchmal reicht es schon, das Gegenüber und seine Geschichte in Stichworten in eine Internet-Suchmaschine einzugeben, um die Betrüger zu entlarven. Denn in irgendeinem Forum hat sich bestimmt schon mal jemand über die Masche ausgelassen.
Scambaiter
Audio
- Audio: WDR 2 Quintessenz: Betrug mit Vorschüssen (17.08.2012) Bernd Debus, WDR 2 Westzeit
Es gibt im Internet eine Szene, die sich Scambaiter nennen und in diversen Foren organisiert ist. Das Wort Scambaiter setzt sich aus Scam (Betrug) und Bait (Köder) zusammen. Scambaiter gehen zum Schein auf die Angebote der Vorschussbetrüger ein. Dabei benutzen sie phantasievolle Namen, wie zum Beispiel Baldrian von Lotterleben. Ziel ist es angeblich, die Kapazitäten der Betrüger zu binden und sich über sie lustig zu machen. Dabei werden die Grenzen des guten Geschmacks von manchen Scambaitern jedoch deutlich überschritten. Die Polizei warnt generell vor dem Scambaiting. Es handele sich auf der Gegenseite um organisierte Kriminelle, die keinen Spaß verstünden, wenn man sie selber betrügt.
Stand: 17.08.2012, 09.00 Uhr
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